Ullstein 2011

Achim Peters – Das egoistische Gehirn

 

Macht Denken dick?

 

Ein Buch über das Körpergewicht und die Problematik wachsenden Übergewichts in der Bevölkerung und doch kein Diätbuch. Ein Buch auf neuesten Erkenntnissen der neurologischen und biologischen Wissenschaften, dennoch aber kein hoch theoretisches Fachbuch. So stellt sich das Buch von Achim Peters nun bereits in der zweiten Auflage dar.

 

Im Kern wendet er sich in seinen Einlassungen dem „wahren Problem von Übergewicht und Diabetis“ zu und weist auf Wege heraus aus diesen Zuständen ebenso wie auf vorbeugende Wege hin. Dabei vertritt er grundlegend, auf Basis neuster, wissenschaftlicher Erkenntnisse, die These, dass das Gehirn als zentrales und „egoistisches“ Organ zum einen den Stoffwechsel kontrolliert und für seine Zwecke nutzt und zum zweiten körperliche „Energiekrisen“ ebenso grundlegend egozentrisch löst (Glucose und damit Energie für das Gehirn immer zuerst und immer in breitest möglichem Maße). Dies ohne Rücksicht (zu Recht als zentrales Organ), aber oft zu Lasten des Körpers. Durch den ständigen Verbrauch von Zucker (unter Stress bis zu 90% der zugeführten Menge), erhält der Körper allerdings das ständige Signal zu mehr Glucose-Aufnahme, deren Verarbeitung unter emotionalem Stress allerdings schwer fällt und daher immer größere Mengen Zuckers „eingebracht“ werden müssen, damit das Gehirn seinen benötigten Teil bekommt.  Diese vermehrte Zufuhr unter zeit gleicher schlechterer Verarbeitung zeichnet verantwortliche für das dann stetig steigende Gewicht. Bestens illustriert Peters dies am Beispiel des Süßstoffes, der grundlegend kontraproduktive Folgen quasi „von Natur aus“ nach sich zieht.

 

Um den „Hunger nach Zucker“ des Gehirns herunter zu fahren, bedarf es einer grundlegenden Stressreduktion. Gar nicht so einfach in unserer modernen Zeit, die auch im Freizeitleben durchaus das emotionale Erleben fast permanentem Stress aussetzt (Erlebnisgesellschaft).

 

Dabei verbleibt Peters nicht in der reinen Diagnose, sondern bietet ebenso Auswege an.

 

Übergewicht entsteht, so die Selfish-Brain-Theorie, wenn „die Balance zwischen hirnenergetischer und emotionaler Homöostase gestört ist“. Und dies geschieht vor allem, wenn der Mensch unter Stress jeglicher Art sich wiederfindet. Die beste Möglichkeit somit, Übergewicht zu reduzieren oder von vorneherein zu vermeiden, besteht darin, das Stresssystem in einer stabilen Ruhelage auszubalancieren. Dies bedeutet nun natürlich nicht, sich am besten gar nicht zu bewegen oder sich intensiv mit etwas auseinanderzusetzen, sondern verweist auf einen ausgeglichenen Lebensstil, in dem auch Phasen der Besinnung, der Ruhe, der Erholung und der Neuausrichtung ihren Platz finden.

 

Emotionale Balance ist somit das Zauberwort, das auf Dauer zu einer Normalisierung des Körpergewichtes führt. Eine Therapie, die in erster Linie also nicht auf die Reduktion des Körpergewichtes aus ist, sondern auf die homöostatische Balance des Körpers und sich somit den Emotionen im Schwerpunkt zuwendet. Sich selber wieder spüren zu lernen ist das Ziel. Ein Spüren der eigenen Emotionen, die zur rechten Zeit Stressbereitschaft anzeigen, aber auch Ruhephasen einfordern und im Gleichgewicht sodann auch das entsprechende Maß an Nahrung einfordern, aber eben nicht mehr.

 

Verständlich geschrieben, fundiert erarbeitet und äußerst lehrreich im Verstehen biochemischer Zusammenhänge,  bietet das Buch eine klare, neue Sicht der Dinge, die indirekt sämtliche Diätmisserfolge bereits als systembedingt erläutert. Empfehlenswert nicht nur für die vermeintlich vordergründige Zielgruppe.

 

M.Lehmann-Pape 2011