C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Achim Peters – Mythos Übergewicht

 

Entlastend!

 

Die Diskussion um „dick oder dünn“ ist nicht neu und schwankt auch zu Zeiten gewaltig. Galten in bestimmten Zeiten „dünne“ Menschen als „unsolide“ und „gestandene  Männer“ als vertrauenswürdig, war es lange Zeit ein geflügelter Spruch, dass es gut ist, im Ernstfall einer Krankheit etwas „zuzusetzen“ zu haben, so ist in den letzten Jahrzehnten das genaue Gegenteil rasant allgemeines Ideal geworden.

 

Fit, sportlich, schlank, das macht gesund, jugendlich und leistungsfähig. Dickere oder dicke Menschen werden, zumindest im Stillen, oft als „Versager, die es selbst schuld“ sind gesehen, sind in Bewerbungsgesprächen nachweislich benachteiligt (nicht diszipliniert genug) . Alles in allem: Medizin, Ratgeber, Fitness Trainer, Krankenkassen und „die Welt an sich“ geben das Ideal des Schlanken vor und übertrumpfen sich mit vielfachen Hilfen und Tipps zum Schlankwerden.

 

Und die Statistiken geben vermeintlich Recht. Zum einen werden die Menschen zumindest der westlichen Welt im Durchschnitt immer „schwerer“, zum Anderen lässt sich, vor allem bei echter Fettleibigkeit, der gesundheitliche Nachteil tatsächlich nachweisen.

 

Um solche „Fettleibigkeit“ aber geht es Achim Peters in seinem Buch zunächst nicht. Sein Schwerpunkt liegt auf diesem „Ideal des Schlanken“ und damit der Abqualifizierung des „leichten bis mäßigen Übergewichtes“. Ein „Übergewicht“, dass, und dies weist Peters überzeugend nach, ebenfalls in allen Statistiken eher lebensverlängernd sich auswirkt als lebensverkürzend. Das er als „Wohlfühlgewicht“ bezeichnet und damit eine Kategorie außerhalb aller BMI Berechnungen einführt.

Es ist eben doch etwas dran an dem Spruch, dass es gut ist, etwas „zuzusetzen“ zu haben. Und ebenso, im wahrsten Sinne des Wortes, ist es erleichternd, wenn Peters ebenso überzeugend im Rahmen der Hirnforschung nachweist, das es weniger „mangelnde Disziplin“ oder „Gefräßigkeit“ sind, die das Gewicht des Menschen zum höheren hin beeinflussen, sondern der „Stress“, der nicht nur konkret hier und da für einzelne im Raume steht, sondern eine Begleiterscheinung der modernen Zivilisation an sich darstellt.

 

Grundlegend also gilt für Peters: Übergewicht ist nicht an sich gleichzusetzen mit „negativ“ oder „krank sein“. Zudem ist Übergewicht kein persönlicher „Charaktermakel“, sondern auch Teil der Welt, in der wir leben, Folge des Stresses einer sich „beschleunigenden und auseinanderdriftenden Welt“ und, in der Regel, einfach erst mal nicht schlimm.

 

Es ist ein Irrglaube, dass „dünne“ Menschen und äußerst sportliche Menschen tatsächlich gesünder und leistungsfähiger als leicht bis mittel übergewichtigere Menschen sind.

Was der Gesundheit wirklich dient, das ist, laut Peters, die Reduktion von Stress. Eine Reduktion, die im Übrigen auch das „Normalgewicht“ (das individuell sehr verschieden sein kann) wieder „einpendeln“ würde. „Entlasten, Entlasten, Entlasten“ ist die Formel, die Peters dem Leser versucht, einzuprägen.

 

Für alle diese Erkenntnisse liegen dem Autor allerdings vor allem Auswertungen eines eigenen Forschungsprojektes vor, ein allgemeiner Nachweis der Richtigkeit seiner Thesen müsste in der Breite erst noch vollzogen werden. Einsichtig aber ist durchaus, was Peters argumentativ dem Leser mit an die Hand gibt.

 

Im Gesamten entzaubert Peters das Dogma von „dünn, sportlich , fit, leistungsfähig“ als gleichzusetzen mit „tatsächlich gesund“, bricht eine Lanze für ein Gewicht, das durchaus höher als der BMI liegen darf und verweist zudem auf Stress als Ursache vieler Krankheiten (und auch des zu hohen Übergewichtes). Nicht Diät also ist der „Ausgang aus vermeintlicher Krankheit“, sondern ein gutes Kennen seiner selbst und eine Reduktion des eigenen, ständigen Stresses und  Stresserlebens. Ein interessanter Ansatz, der allerdings (noch) mit Behauptungen arbeitet und in der Breite sich noch erweisen muss.

 

M.Lehmann-Pape 2013