Droemer 2016
Droemer 2016

Albert Kitzler – Denken heilt!

 

Philosophie ganz praktisch

 

Und wiederum ein Buch zur Philosophie.

 

Sei es Precht´s mehrbändig angelegte Geschichte der Philosophie, sei es Schönherr-Manns „Nutzen der Philosophie“, oder die vielen anderen, aktuellen Titel zur (weitgehend klassischen) Philosophie, das Fach ist längst aus den abstrakten Denkgebäuden der Wissenshaft entwachsen und populärwissenschaftlich in großer Breite auf dem Markt.

 

Je mit eigenen Zielrichtungen und Schwerpunkten, wie auch Albert Kitzler nun seine rote Linie verständlich und anregend vorlegt und damit nicht wiederholt, was schon vielfach gedruckt wurde, sondern eine ganz eigene, konkrete Richtung mit hinzugibt.

 

Das Philosophie ein durchaus probates „Heilmittel“ in Richtung eines „gesunden“ (nicht nur „guten“) Lebens sein kann. Frei nach Sokrates und seine Feststellung, dass eben nicht, wie landläufig in Umlauf, ein „gesunder Körper die Seele gesundmacht“, sondern umgekehrt, „dass eine gute Seele durch ihre Weisheit dem Körper die beste Pflege zukommen lasse, die man sich vorstellen könne“.

 

Was ja nicht erst seit gestern, sondern seit langem bereits in Medizin und Psychologie (wieder neu) bekannt ist. Dass die innere Haltung, die Resilienz, die Hoffnung und Zuversicht ebenso, wie die Gelassenheit so einiges an körperlichen Beschwerden „bearbeiten“ kann.

 

Das der Organismus (als Gesamtheit von Leib und Seele gedacht), in Ordnung kommt durch ein „sich Lösen von falschen Vorstellungen und althergebrachten, destruktiven Prägungen“. Wobei der erste Schritt dieser „Lösung“ laut Kitzler das „richtige Denken“ (im philosophischen Sinne) ist. Welches sich dann „vollende in angemessenen Haltungen und Einstellungen zum Leben“.

 

Wobei die Zahl der philosophischen Schulen hoch ist und damit die „Richtigkeit des Denkens und Handelns“ schon im Blick auf die antike Philosophie nicht einfach zu entscheiden ist.

 

Dies löst Kitzler, indem er zwar einerseits (in seinen grundlegenden Beschreibungen von inneren „Missständen“) auch teils abstrakt die Gedankengebäude der einzelnen philosophischen Denkmuster in ruhigem Tonfall dem Leser vor Augen führt, dabei aber nie das selbstgesetzte Ziel aus den Augen verliert: Zu fragen, was die Weisheitslehren der Antike für die Lebenspraxis in sich tragen und wie sich dies für den eigenen Alltag erlernen lässt.

 

Das löst Kitzler im Buch gut und anregend. Immer wieder den ganzheitlichen Blick einzunehmen, der durch ein (immer) besseres Verständnis der Welt und seiner selbst sich entfaltet und damit eine nachhaltige Entwicklung der eigenen Person zumindest anregen und befördern kann (in den Grenzen des dem Verstand Zugänglichen).

 

Ein Ansatz, der sich in der Struktur des Buches gut wiederfindet, denn Kitzler geht nicht einzelnen philosophischen Haltungen thematisch nach, sondern sortiert die Vielfalt der philosophischen Ansätze unter die „Krankheiten“ des Lebens und bietet somit für jedes gesetzte Thema einen breiten Überblick dessen, was die antike Philosophie aus ihren verschiedenen Ansätzen und Leitsätzen heraus beizutragen hat.

 

Im Blick auf Überlastungen und Überforderungen, auf Impulse wie Zorn, Ärger, Wut, Hass, im Blick auf Sorgen und Kummer, wie auch beim großen Thema unserer Zeit, der Entfremdung von sich, der Natur, dem anderen. Wie können Leidenschaften konstruktiv gelebt werden und das darin, was „Leiden schafft“ gemindert werden? Welcher Umgang mit existenziellen Erfahrungen wie der Trauer ist hilfreich? Wie kann man negative Gefühle in sich selbst wie Habgier, Geiz, Neid, Eifersucht, Missgunst u.a. so auflösen, dass die eigene Seele nicht „in den Schatten gestellt wird“?

 

Pragmatisch, die „wunden Punkte“ der Persönlichkeit ansprechend und dies dabei in Verbindung setzen zur aktuellen Zeit, das ist ein durchaus ergänzender Ansatz im Kosmos der aktuellen philosophischen Werke und bietet eine Vielzahl von hilfreichen Impulsen.

 

Wobei jedes der Kapitel ähnlich aufgebaut zunächst grundlegend die „Krankheit“ beschreibt, die „Ursachen“ in den Blick nimmt und passende „Heilmittel“ benennt.

 

Was Leidenschaften angeht z.B. eine rechte Distanz zu finden („gegen die innere Tendenz anzudenken“), das rechte Maß zu finden und zu wahren und die eigene „Wertehierarchie“ zu betrachten (was durchaus beruhigend wirkt im Strudel von Emotionen).

 

Selbstredend ist eine solche Form von „denkerischer Selbstheilung“ kein einfaches Unterfangen, wenn die Emotionen stark werden, aber schon allein sich dann mit diesem Buch ein stückweit zu beschäftigen bedeutet zugleich, sich ein stückweit zu „befrieden“, indem der Fokus vom „Gefühl“ weg auf den „Geist“ gelenkt wird.

 

 

Eine interessante und konsequent sich durchziehende Herangehensweise, die das Lesen und kontinuierliche Arbeite mit dem Buch lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2016