Hoffmann und Campe 2018
Hoffmann und Campe 2018

Alessandro Baricco – Die Barbaren

 

Ganz eigene, sehr schön zu lesende „Spurensuche“ nach den Ursachen der Veränderungen in der modernen Welt

 

Es ist der „amerikanische Wein“ und es ist der Fußball, der Baricco mit auf die Spur führt und mittels derer Beispiele er dem Leser in aller Ruhe, griffig und überzeugend, zum einen darzustellen vermag, dass sich etwas Wesentliches im kulturell-sozialen Leben verändert hat und, zum anderen, wo genau eigentlich die Ursachen für diese Veränderungen zu lokalisieren wären (jene Barbaren eben, die das Gewohnte unterwandern, ersetzten, okkupieren und der Welt nun umfassend ihre Prägung angedeihen lassen).

 

Dabei greift Baricco eben nicht zu kurz, lässt sich nicht ein auf rein plakative Vorwürfe gegen einen grassierende Kapitalismus ein (immer schon wollten Menschen Gewinne machen) und auch nicht gegen eine „Verrohung der Sitten“ durch Migration oder digitale Techniken.

 

Baricco gelingt es tatsächlich, zurückhaltend und ohne erhobenen Zeigefinger, tiefer zu blicken.

 

„Hier aber schienen die Angreifer etwas viel Radikaleres, Grundlegenderes zu tun: Sie verändern die Landkarte. Es waren Mutanten, die eine Landschaft durch eine andere ersetzten und dort ihre Lebenswelt gründeten“.

 

Eine Welt, das arbeitet Baricco wunderbar getroffen heraus, die ihre Zielrichtung nicht mehr auf „Qualität“ im kreativen, individuellen, tieferen Sinne ausrichtet, nicht mehr auf Spezialisten, traditionell erworbene hohe, individuelle Fertigkeiten, sondern nurmehr auf eine Breite abzielt.

Jeder soll alles können um umfassend und effektiv einsetzbar zu sein, alles soll allen munden um umfassend und weitgehend „an den Mann“ gebracht werden zu können.

 

Das Erlebnis eines „Weines mit Charakter“, an den man sich erst einmal gewöhnen muss, der individuelle Klasse durch jahrhundertalte Erfahrungen in sich trägt, für den man bereit sein muss und Wissen benötigt. Oder eben die „moderne Welt“, in der vielfach Menschen Wein trinken, der allerdings industriell erzeugt, austauschbar im Charakter und auf Breite statt auf kunstvolle Tiefe hin erzeugt wird.

 

Oder der Moment, als Roberto Baggio auf der Ersatzbank zu sitzen begann. Weil der einzelne Kreative, das Genie auf dem Platz, der Raum und Zeit benötigt für den einen oder den anderen Geistesblitz mit dem Ball, nicht mehr in den modernen Fußball der „Breite“ passt, in der alle zugleich alles bearbeiten, Verteidigen und Stürmen, Räume eng machen und umgehend nach vorne dann stürmen.

 

Es ist der Kommerz, ja, einerseits, aber eben auch eine „Mutation“.

 

„Wenn eine Sportart sich aus vielen Gründen so verändert, dass es sinnvoll wird, ihre Spitze (das Talent, den Künstler, das Außergewöhnliche, die Unvernunft) nicht aufs Feld zu lassen, dann ist etwas passiert“.

 

Fernsehgerecht, schnell, kollektiv, das sind die modernen Werte des Fußballs, weil eine Gruppe Zutritt genommen hat, die vorher nicht maßgeblich bestimmend war. Wie das auch auf dem Feld des Weinbaus und der Literatur geschehen ist). Mit hohem, kommerziellen Erfolg (dem inzwischen alles untergeordnet wird und zwar nicht von Wirtschaftsführern und Politikern, sondern von „der Gesellschaft“, die gerne den neuen Regeln zu folgen scheint).

 

Unter „Verlust der Seele“, wie es Baricco melancholisch formuliert.

 

„Die Barbaren neigen dazu, die Heiligkeit der Traditionen, die sie angreifen, zu zerstören und sie durch ein scheinbar weltlicheres Konsumverhalten zu ersetzten. Sie zerlegen das Totem auf dem Feld der Erfahrungen“.

 

Ein ruhiger, stringenter Aufbau ist es, dem Baricco folgt, mit dem er zunächst die Veränderungen verortet, Deutungswerkzeuge formuliert um dann jene „mutierten Barbaren“ konkret ausfindig zu machen und damit die rasanten Veränderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der kulturellen Werte dem Leser vor Augen zu führen. Mit Bedauern, sicherlich, aber ohne Verbitterung oder Panik. Auch wenn man, natürlich, das Bedauern über den „Sieg der Mittelmäßigkeit“ aus jeder Zeile herauslesen kann.

 

„Mittelmäßigkeit ist ein Bauwerk ohne Ecken und Kanten, in das die größte Anzahl Traditionen hineinpasst“. Um den Preis, dass Qualität verloren geht und nur mehr eine Ahnung der alten Traditionen rein äußerlich erhalten bleibt.

 

Was der einzelne für sich dagegen tun kann, auch davon wird Baricco am Ende sprechen, ohne damit zu behaupten, die „alte Welt“ zurückholen zu können.

 

 

Ein ruhiger, tiefschürfender, philosophischer Ansatz der Erklärung der modernen Welt und der vielfachen, erschütternden und überaus schnellen Veränderungen im alltäglichen Leben, das den Leser sehr nachdenklich und um einiges klüger zurücklässt. Mit einer Sehnsucht, die nun eindeutig formuliert werden kann.

 

M.Lehmann-Pape