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Alexander Nehamas – Über Freundschaft

 

Persönliche und das Wesen treffende Reflektionen

 

„Und wenn ich sage, dass ihre Freundschaft ihr Leben geprägt hat, dann gilt das auch für sie selbst“.

 

Ein Satz, mit dem Nehamas beide Seiten seiner anregend und schön zu lesenden Überlegungen vor Augen führt.

 

Zum einen der konkrete, persönliche Anteil am Buch, sein Freundeskreis seit Schulzeiten, der über Jahrzehnte hinweg das gesamte Leben in der ein oder anderen Form miteinander geteilt hat und auch ihn selbst Teil sein lässt, auch wenn Nehamas zu Zeiten geographisch weit entfernt verbracht hat.

 

Und ein Satz, in dem er auf das allgemeine Wesen der Freundschaft verweist.

 

Dass überall und bei jedem enge, vertraute Beziehungen den Kern des Lebens ausmachen, darin unterstützt und gefeiert, einander gehalten und füreinander gesorgt wird. Und enge Freunde (gemeinsam mit den Eltern), wohl den größten Einfluss auf die eigene Person im Lauf des Lebens haben.

 

Was gerade in der modernen Zeit, die seit Langem bereits alte, soziale Traditionen auflöst und neu zusammensetzt, von großer Bedeutung ist und damit das Buch auch einen Nerv der Zeit trifft. Wo Patchworkfamilien, Alleinerziehende, durch berufliche oder anderweitige Mobilität weit vom Herkunftsort sich wiederfindenden Menschen andere Formen sozialer Netzwerke gründen und pflegen, die ebenso bedeutsam für das eigene Leben werden können, wie es zu damaligen Zeiten die Großfamilie darstellte.

 

„Wer wir sind, bestimmt sich nicht zuletzt an unseren Freunden“.

 

Was eben keine neue Erfindung ist, sondern „immer schon“ Teil des menschlichen Lebens war und bleiben wird.

So kann Nehamas ohne weiteres an Aristoteles und seinen Begriff der „philia“ anknüpfen und damit absolut aktuell bereits das Wesen von Freundschaft „durch deklinieren“.

 

Einen Begriff von Freundschaft, den Nehamas umgehend erweitert auch im Blick auf die „dunklen“ Seiten. Auf zerbrechende Freundschaften, leidvolle Erfahrungen mit enttäuschtem Vertrauen und vielem mehr. Was im Übrigen ebenso prägend ist, wie die gelingenden Beziehungen.

 

Mit all dem gelingt Nehemas vor allem, die „Vielschichtigkeit“ von Freundschaft (immer auch mit persönlichen Untertönen) in Ruhe zu „entblättern“ und damit dem Leser hier und da auch die Augen zu öffnen für Bereiche und Verästelungen in Freundschaften, die nicht unbedingt immer klar vor Augen stehen.

 

Was durchaus im Lauf der Lektüre auch zu einem reflektierenden Blick auf die eigene Person führen wird.

 

„Wenn jede Freundschaft jeweils andere Aspekte unseres Selbst zum Vorschein bringt…….was ist es denn, was wir…….unser Selbst nennen“?

 

Bei aller Differenzierung, die Nehames vornimmt, bei allen Wendungen, denen er folgt, um den Begriff immer klarer fassen zu können, bei allen auch Konflikten und negativen Erlebnissen, die der „Januskopf“ der Freundschaft bereit hält, am Ende legt Nehmas ein interessant zu lesendes „Plädoyer für die Freundschaft“ vor.

 

 

„Das hohe Gut der Freundschaft“ in all ihren Facetten und all ihren auch spiegelnden Eigenschaften für die eigene Person bekommt in diesem Werk einen (noch einmal) schön zu lesenden Ausdruck.

 

M.Lehmann-Pape 2017