Kösel 2018
Kösel 2018

Alexander Poraj – Allein

 

Zen für Fortgeschrittene

 

Das Wort „Allein“ dient in diesem tiefreichenden Werk von Alexander Pojai als Zentrum und Ausgangspunkt und greift damit eine Zen-Kompetenz (und wesentliche Grundhaltung) auf, die dem westlichen Denken (immer noch) eher fremd ist und, in den letzten Jahrzehnten, auch erkennbar fremder geworden ist.

 

Denn durchaus gängig war es in breiter Form (und ist es in Teilen immer noch) „Alleinsein als Strafe“ mit ins Feld zu führen.

 

„Geh auf Dein Zimmer“ bei unbotmäßig sich verhaltenen Kindern drückt allein schon aus, dass Alleinsein, verbunden mit Stille, mangelnder Ablenkung und eingeschränkter Aktivitätsmöglichkeit gründlich negativ belegt wird. Eine Linie, die sich durch das „erwachsene Leben“ konsequent durchzieht.

 

Aktiv sein, Fit, beschäftigt, wichtig, tätig, das sind die „seriösen“ Elemente eines (vermeintlich) guten Lebens in den modernen Gesellschaften des Westens, mit denen man „etwas schafft“ um sich dann, wenn „etwas aktiv geschafft wurde“ dem entsprechenden Belohnungssystem hinzugeben. Was wiederum mit Aktivität und Konsum als Aktivität verbunden wird. Dinge „sich leisten zu können“, Freizeitaktivitäten zu gestalten, möglichst dem Alleinsein, der Stille zu entkommen, die nicht sonderlich gut ertragen werden kann. Davon kündet allein schon die umfassende Breite der „Unterhaltungsindustrie“, die einen fundierten Rückschluss auf die Schwierigkeiten des modernen Menschen mit der Abwesenheit äußerer Reize, eines „All-Ein-Seins“ und damit nur sich selbst ausgesetzt sein deutlich benennt.


Das Leben wendet sich mit hoher Geschwindigkeit weiterhin dem Äußeren zu, so kann man konstatieren. Kontemplation, Meditation, sich selbst spüren sind Fähigkeiten, die kaum mehr gesellschaftliche Relevanz im Alltag besitzen.

 

„Das Reden Silber und Schweigen Gold sei“, wie es Poraj zur Einleitung anführt, ist somit eine alte Sentenz mit offenkundig wenig Wirksamkeit. Denn sich zeigen, darstellen, am Image feilen, laut sein, fordern können, das sind aktuell die scheinbar „wahren Kompetenzen“ eines erfolgreichen Lebens.

 

Dem setzt Pojai nun einen interessanten, tief durchdachten, aber auch nicht einfachen Weg in einer Welt des „mit-sich-seins“ gegenüber, der, recht verstanden, gar nicht einsam oder allein sein kann, da am Ende „alles mit allem verbunden ist“. Sei man laut oder leise, mit anderen beisammen oder für sich ganz allein, diese Verbindung kann gefunden und gespürt werden und führt, am Ende, zu einer Form innerer Reife, die dem Menschen wohltut.

 

Aber nicht einfach beschrieben oder in kurzen Abfolgen „angewiesen“ werden kann, sondern, wie alles, was wertvoll ist, eine Entwicklung und ein Üben benötigt.

 

„Der überwiegende Teil des Buches beschreibt das Suchen und das Ringen um die Frucht. Nicht die Frucht selbst. Diese kann nämlich nur im Lesenden zur Reife gelangen“.

 

Es braucht eben eine andere Herangehensweise im Denken und Fühlen, die dem „normalen“ Leser zunächst befremdlich ist und zu Geduld und reflektierendem Lesen aufruft.

 

„Wir fühlen uns oft allein….Sind wir dann tatsächlich allein? Es lohnt sich, unser Konzept des Alleinseins infrage zu stellen, denn häufig fühlen wir uns allein, ohne uns dieses Zustands in seiner Tiefe bewusst zu sein“.

 

Stellt man aber anhand dieses Buches (in Ruhe) das vorherrschende Konzept in Frage und wendet sich der Verbundenheit mit dem Leben und dem ganzen restlichen Sein zu, dann ergibt sich im Lauf der Lektüre und es Ringens um das rechte Verständnis allmählich tatsächlich jenes „Gewahr-Werden“ des „All-Ein-Sein“, das Poraj ruhig und bedächtig vor Augen stellt.

 

„Rühe, Glück und Offenheit“, einhergehend mit Achtsamkeit, dass ist die „Frucht“, die sich einstellen kann, wenn man sich „sich selbst aussetzt“ und Ablenkungen von außen samt dem eigenen, unruhigen Geist mehr und mehr hintenanstellt.

 

Natürlich ist das fremd und schwer. Zumindest der erste Schritt eines sich darauf Einlassens. Gerade weil Poraj so wenig von „Übungen“ hält.

 

„Zen Leben – aber nicht Zen üben. Sein und immer wieder nichts werden wollen“.

 

 

Aber es lohnt, sich den Inhalten dieses Buches auszusetzen. Denn die Geschichte lehr durchaus, dass „im Außen“ das „innere Glück“ wohl noch nie zu finden war und die spirituelle Ebene innerer Reife für das Wohlbefinden und die Zufriedenheit des Menschen wohl doch deutlich wichtiger ist, als all das Streben (und in Teilen erreichen) der „äußeren Ziele“. Für diesen Weg eignen sich die Überlegungen im Buch sehr gut. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, Schritt für Schritt.

 

M.Lehmann-Pape 2018