J.B.Metzler 2018
J.B.Metzler 2018

Alfred Krovoza; Christine Walde (Hg.) – Traum und Schlaf

 

Systematische, interdisziplinäre Betrachtung

 

„Traum und Schlaf“, ist das nicht selbstverständlich? Macht man einfach und gut ist?

 

Anderseits, wohl kaum ein Bereich der „Welt“, des menschlichen Lebens findet ein so breitgestreutes Interesse.

 

„Es scheint nämlich kaum einen Praxis- und Wissensbereich, kaum eine Wissenschaft zu geben, und zwar „all over the world“, in dem unser Gegenstand nicht behandelt worden wäre und noch behandelt wird“.

 

So arbeitet dieses Handbuch ob der schier unerschöpflichen Quellen naturgemäß auch mit Auslassungen, findet aber doch genau den Grat, dem gewählten Thema umfassend, fundiert und überaus breit nachzugehen.

 

Als „göttliche Botschaft“ und damit als Teil aller wesentlicher Religionen (Engelerscheinungen, Himmelsleitern, Diktate von fundamentalen heiligen Schriften an entsprechende Religionsgründer im „Traum“), als „soziale Tatsache“ (alle Menschen schlafen und träumen), als „Ausdruck innerpsychischer Befindlichkeiten und / oder Konflikte“, als „bedeutungsloses Produkt neurobiologischer Prozesse“, als Form und Darstellungsmittel min der Literatur, und, und, und. Schlaf als biologische Notwendigkeit und Tatsache, Traum als vermeintliche oder echte Botschaft in vielfacher Form, die Welt ist durchdrungen seit Anbeginn von diesen beiden Komponenten „Traum und Schlaf“.

 

Und so führt dieses Handbuch in große Breite, einerseits. Verfolgt aber, klug und zu Recht, gar nicht den Anspruch einer letztgültigen Klärung oder in sich abgeschlossen-geschlossenen Darstellung, sondern wird geleitet von der Leitidee, einen „Aufriss für eine weiterführende Beschäftigung“ mit dem Thema zu bieten, als ein „Nachschlagwerk im engeren Sinne“ des Begriffes darzustellen.

 

Genau dies gelingt in bester Form. Vielfache Literaturhinweise, teilweise fast überbordend, am Ende des jeweiligen Sachthemas und Kapitels lassen zumindest keine Wünsche offen, was eine persönliche Vertiefung einzelner Themen angeht. Die zudem je ein zentrales Thema betrachten, eng gedruckt und dennoch noch kompakt durch den Leser zu verarbeiten.

 

Traumdeutung und Traumaufzeichnungen. Ausdruck, Gedächtnis und Kommunikationsmedien (Mit Mythen, Legenden, Literatur, Film, Theater bis hin zum Design der kulturellen Eben zugeordnet). Sozial- und Geisteswissenschaften mit Philosophie, Geschichte, Ethnologie, Kunstgeschichte versehen. Lebenswissenschaften mit der breiten Spreizung von der Neurobiologie bis hin zur Psychotherapie und der Forschung zu Erinnerung und Gedächtnis in der Schlaf- und Traumforschung. Und abschließend die ganz aktuellen Tendenzen, in ganz andere Richtung als die grundlegenden Forschungen deutend, mit den „rechtlichen Aspekten zur nächtlichen Ruhestörung“ und der „Ökonomisierung des Schlafs“, Themen, die dennoch mit dem breiten und fundierten Vorlauf des Werkes eng verbunden sind und, wie das Werk aufzeigt, folgerichtige „neue Themen“ darstellen, gliedert sich das Werk in die wesentlichen Bereiche der strukturierten Beschäftigung mit „Schlaf und Traum“, wobei der „Traum“ das sicherlich umfassendere und schwerwiegendere Thema im Werk darstellt.

 

Dabei sticht unter anderem die „erweiterte Perspektive der Ethnologie“ mit ins Auge, die über das Thema von Schlaf und Traum die „Relativität von gesellschaftlichen Praktiken und Wissensformen“ verdeutlichen und einem „naiven Universalismus“ deutlich entgegentreten. Auf Basis dieser je konkreten „Kulturarbeit“ am Traum lesen sich viele der weiteren Betrachtungen im Werk noch einmal genauer und anders als zuvor.

 

Alles in allem ein breites, fundiertes, informatives Werk, in welchem ein Grundthema menschlichen biologischen und kulturellen Seins mit vielfachen Impulsen vorgelegt wird, die geradezu zur Vertiefung und eigenen Weiterarbeit einladen.

 

 

Sehr gelungen.

 

M. Lehmann-Pape 2018