C.H.Beck 2012
C.H.Beck 2012

Amartya Sen – Die Idee der Gerechtigkeit

 

Ideal oder reale Handlungsmaxime?

 

Die Gerechtigkeitsdebatte ist öffentlich allenthalben im Gange. Gerade in Zeiten offenkundiger Krisen und damit einhergehender „Umverteilungen“, die nicht unbedingt der großen Masse der Bevölkerungen dienen. Aber hinter diesen aktuellen Diskussionen findet sich die Frage nach der Gerechtigkeit seit Jahrzehnten eigentlich bereits im Fokus des Interesses informierter Kreise. Vom Nord-Süd Gefälle bis zu Ressourcenverteilung, vom Großgrundbesitzer bis zum Kaffeebauern, von der Frage des Hungers in der Welt zur Welt der Börsen und Spekulationen, mithin oft und oft im Kern zu Fragen der „Verteilung“.

 

Ist nun diese Idee der Gerechtigkeit ein Ideal oder kann Gerechtigkeit tatsächlich eine der Maximen praktischen wirtschaftlichen und politischen Handelns werden und sein?

 

Der Nobelpreisträger der Ökonomie, Amartya Sen, geht diese Frage aus einer anderen als der gewohnten Richtung an. Nicht vom Ideal her betrachtet er letztlich die Frage der Gerechtigkeit hauptsächlich (auch wenn die klassischen Theorien und Ideen der Gerechtigkeit im Buch bearbeitet werden), sondern direkt, zupackend und pragmatisch wirkt das, was er vor den Augen des Leser anhand vieler praktischer Beispiele und klarer Gedanken entfaltet.

 

Nicht die „Idee der Gerechtigkeit“ auf abstrakter Ebene ist für Sen der Schlüssel zu „mehr Gerechtigkeit“, sondern die ganz konkrete, praktische Arbeit an der „Beseitigung herrschender Missstände“. Dies setzt Sen dann auch als Maßstab zur Beurteilung eines „Denkens“ über Gerechtigkeit. Inwieweit aus einem solchen Denken Handeln folgt und inwieweit ein solches daraus folgendes Handeln dann auch konkret ein Teil, ein Ort der Ungerechtigkeit überwunden werden kann. Wobei hier eine der großen Stärken Sens mit in seine Überlegungen hineinspielt. Sen ist „Kultur-bewandert“ und kann so seine Sicht der Dinge unterlegen mit einem Respekt, aber auch einem vielfältigen Wissen über verschiedene kulturelle Lebens- und Sichtweisen weltweit. Auf vielfältige Weise gelingt es ihm so auch, seine Überlegungen mit lebensnahen Beispielen, Anekdoten, anderen Herangehensweisen in anderen Kulturen zu unterlegen, was nicht nur die Lektüre des umfassenden Buches einfacher und praxisnäher gestaltet, sondern auch andere Denkweisen in die Diskussion mit einbringt.

 

Immer wieder findet Sen so auch eingängige Analogien, wie die des australischen Kricket Teams, um seine Grundanliegen plastisch darzustellen (in diesem Zusammenhang des Kricket plädiert Sen überzeugend dafür, in Fragen der „Befähigung“ nicht nur individuelle, sondern auch Gruppenchancen zu bedenken und einfließen zu lassen, auch wenn am Ende des Tages eine individuelle Wertung vorrangig im Raume stehen wird).

 

Auf der einen Seite geht Sen zwar überaus strukturiert vor, durchaus aber verliert sich seine Darstellung an einigen Punkten zu sehr im einzelnen Beispiel und macht es dem Leser nicht einfach, den übergeordneten Zusammenhang ständig präsent zu halten. In der Klarstellung aber, dass Gerechtigkeit konkret mit einem Handeln zu tun hat, welches messbar Ungerechtigkeiten überwindet, in der Grundlegung, dass zu einem solchen Handelnd die kritische Vernunft das wichtigste Instrument ist und in den vielen Beispielen, wie das pragmatisch und kulturell differenziert angegangen werden könnte, überzeugt Sen mit klarer Argumentation und praxisorientiertem Denken.

 

Das Buch bildet einen wichtigen Baustein in der aktuellen und drängenden Diskussion um und über eine „Machbarkeit“ von Gerechtigkeit in der Welt.

 

M.Lehmann-Pape 2012