J.B.Metzler 2016
J.B.Metzler 2016

Andreas Urs Sommer – Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

 

Ein Plädoyer für gemeinsame Überzeugungen

 

Der sich etwas sperrig lesende Titel lässt sich relativ einfach auflösen und trägt in sich dabei bereits die gesamte dem Buch zu Grunde liegende These und Absicht.

 

Im Gegensatz zu langen Zeiten der Menschheitsgeschichte mit ihren religiösen Gewissheiten und strikten Tabus, die in der Traditionslinie weitergeben und als „gesetzt“ verstanden wurde (zumeist von einer mächtigen, außenstehenden Kraft), haben seit der Zeit der Aufklärung eine hohe inhaltliche Differenzierung und Veränderung erfahren.

 

Werte sind „Übereinkünfte“ zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Und nur deswegen so massiv und stark in den Völkern der Geschichte verankert gewesen, weil die Normengebende Gruppe klein war und das Wissen der großen Masse gering.

 

Werte sind, so die moderne Erkenntnis, nun eben aber nicht einfach vom Himmel gefallen, keine Gebrauchsanweisung einer höchsten Macht, die mit Lob und Strafe faktisch drohen könnte, sondern Werte sind immer wieder Übereinkünfte. Die ihren „Wert“ aus sich selbst heraus und dann im Zusammenspiel der Gruppe zu erweisen haben.

 

Es gibt somit keine Werte im traditionellen Verständnis des Wortes als eine Art gesellschaftlicher Axiome, die bedingungslos gelten und an die man sich fraglos zu halten hat.

 

Aber ohne Werte (wie Sommer sie definiert und erläutert) funktioniert ein Zusammenleben als größere Gemeinschaft ebenfalls nicht. Gibt es kein gemeinsames Fundament an Wert-Überzeugungen, verliert sich sogleich die Klammer, welche die Gesellschaft beieinander hält und die einzelnen Gruppen auf einem gemeinsamen Fundament verbindet (bei aller individuellen Differenzierung).

 

„Was ist das, an das zu glauben ich genötigt werde? Warum soll ich an Werte zu glauben genötigt sein“. Denn allgemeinverbindliche Werte, zumindest deren Behauptung und Beschwörung, spielen weiterhin eine zentrale Rolle auch in den westlich-liberalen Gesellschaften, in denen ansonsten alle andern Gewissheiten der Geschichte dem einzelnen völlig freigestellt sind, zu glauben oder nicht.

 

Aber, ebenfalls gilt, dass der Mensch seit Beginn seiner Existenz in Relationen denkt und damit beständig alles und jeden bewertet, wie Sommer auch mit dem ein oder anderen Augenzwinkern formuliert.

 

„Es strukturiert die Wirklichkeit des jeweils Wertenden und ordnet (diese)“. Was ein Argument für die Wichtigkeit der Werte ist, aber kein Argument für eine a priori Geltung. Ein Dualismus, den Sommer fundiert und differenziert im Buch ausbreitet und damit auf interessante und kluge Weise „die Sache mit den Werten“ durchdenkt und differenziert ordnet.

 

So kann man der abschließenden Erkenntnis Sommers leicht und überzeugt folgen.

 

Werte sind zwar „flexibel in ihrem Begriff, ihrem Gebrauch, in ihrer Geltung“, Werte sind wandelbar, verhandelbar und verändern sich. Aber Werte schaffen je zu ihrer Zeit und ihrem dann konkreten Geltungsbereich unerlässlich Fiktionen, werden gemacht „von uns und für uns“, weil die Menschen als Gesellschaft gemeinsame Verbindlichkeiten benötigen, um zu kooperieren und sich darauf zu einigen, in welche Richtung genau die Kooperation verlaufen soll. Stehen hierfür keine gemeinsam getragenen Werte zur Verfügung, kommt es zu Konflikten, zum Kampf gegeneinander und zur rein egozentrischen Lebenshaltung, die am Ende alle mit sich in den Strudel des Abgrundes reißt.

 

Werte zu suchen, zu formulieren, zu vermitteln und sich deren Wandel dann aber auch nicht zu verschließen ist eine überlebensnotwendige Fähigkeit des Menschen und immer wieder neu gefordert. Trotz aller klar herausgearbeiteten „Schwammigkeit“ der Werte sind diese gerade wegen ihrer Interpretationsmöglichkeit geeignet, immer wieder die Fiktionen von Gesellschaften abzubilden und diese an den dann als gesetzt geltenden Werten wiederum abzuarbeiten.

 

 

Ein interessantes, nicht einfach geschriebenes und nicht immer einfach zu erstehendes, aber lohnendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2016