Kösel 2014
Kösel 2014

Andreas Weber – Lebendigkeit

 

Plädoyer für eine Haltung der verbindenden Liebe

 

Wenn Weber sein Buch mit „Eine erotische Ökologie“ untertitelt, dann verweist er damit nicht auf ein eng verstandenes Verständnis der Erotik rein im Sinne sexueller Leidenschaft, sondern nutzt den Begriff im Verweis auf die „unbändige Kraft der Fülle und schöpferischer Energie“, welche in der umfassend verstandenen Erotik freigesetzt werden.

 

„Ohne Bindung kein Leben“, diesen Grundsatz des Lebens stellt er seinen Ausführungen voraus.

Alle Vorgänge in der Biosphäre sind Vorgänge in Beziehungen, die Art und Weise der Beziehungen, die Werte, die der einzelne seinen Beziehungen gibt und die Weise, in der er diese dann praktisch gestaltet prägen das Leben (nicht nur das eigene).

 

Weber öffnet diesen, in der Gegenwart mehr und mehr als rein „privat“ verstandenen Beziehungsbegriff damit in die Weite des biologischen Raumes und führt den Leser in eine beziehungsorientierte „Schubkraft zur Weltbeschreibung und Welterfahrung“.

 

Die „Liebende Praxis“ ist für ihn ein „Erkenntnisinstrument“, genau jene Art und Weise, „hineingebend“ die Welt zu verstehen, die aktuell zu sehr abgespalten, zu abstrakt betrachtet wird. Wovon bereits die Sprache mit ihren ständig biologisch-technischen Begrifflichkeiten zur Weltbeschreibung schon beredt Zeugnis ablegt.

 

Sich selbst als Teil des große Ganzen nicht nur rational zu begreifen, sondern auch emotional zu verstehen und damit dem Drang zu sich selbst und zur Fülle, zur Individuation und zur Verbindung zu vereinen, das ist Webers Ziel.

 

Dem er sehr verständlich, teils poetisch, aber durchgehend „lebensnah“ im Buch nachgeht.

 

„Leben in intensiver Form ist immer eine Praxis der Liebe“.

Eine Form der Verbindung mit allem Lebendigem, dass dem Inneren des Menschen deutlich mehr entspricht als die Aufteilung der Natur, der Ressourcen, ja auch der menschlichen Bindungen in funktionale Raster.

 

In der Praxis führt Weber dabei mitten hinein in „Liebesgeschichten“ mit den Elementen der Natur, mit der Luft (und ihrer Tragfähigkeit), mit dem Wasser und seinen sanften Berührungen (Berührungen sind ja eines der Kernelemente jeder Erotik) und vielen anderen natürlichen Elementen mehr.

 

Wobei in allen Hinführungen und konkreten Beispielen Weber die Auffassung des Lebens „als eines zusammenhängenden Netzes von Beziehungen“ betont und mannigfaltig beschreibt. Verbunden mit dem (inneren wie äußeren) „Lachen“ als „Stimme des Glücks“.

 

Sicher ist die Sprache des  Buches, gerade für eher nüchtern veranlagte Leser, gewöhnungsbedürftig und wirkt an manchen Stellen schwülstig bis kitschig oder ein stückweit zu esoterisch „bewusst“ angehaucht.

 

Aber es lohnt sich, sich auf die dahinter liegenden Gedankengänge einzulassen, denn der mitschwingenden Verweis auf die zunehmende Bindungslosigkeit und Isolierung des Menschen (zumindest in den modernen industriellen Gesellschaften), die nicht nur das Erleben der Natur betrifft, sondern mehr und mehr auch tief im zwischenmenschlichen  Beziehungsgeflecht seine (trennenden) Spuren hinterlässt, benennt präzise eine Entwicklung, die offenkundig keine sonderlich konstruktiven Folgen nach sich zieht (betrachtet man allein nur die zunehmende, allgemein Gewalttätigkeit oder die Etikettierung so ziemlich jeden Lebensbereiches vor allem mit Preisschildern).

 

 

Eine interessante Lektüre, auch wenn man Weber nicht in allen „äußeren“ Beispielen „innerlich“ folgen möchte.

 

M.Lehmann-Pape 2014