Vandenhoeck und ruprecht 2010
Vandenhoeck und ruprecht 2010

Angela Hager                    Ein Jahrzehnt der Hoffnung

                                                Reformgruppen in der bayerischen Landeskirche 1966-1976

 

Aufbruch

 

Die "langen" 60er Jahre (1958-1974) waren die Zeiten eines umwälzenden, gesellschaftlichen Aufbruchs, nicht nur an den Universitäten des Landes. Von der Popkultur über die bildenden Künste bis hin zu allmählichen auch politischen Veränderungen, die dann ihren Höhepunkt in den studentischen Unruhen des Jahres 1968 fanden, reichen die Angänge der "Jugend" gegen die "verkrusteten" gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen der damaligen Zeit.

 

Aufbrüche, kritische Anfragen, demokratisierende Prozesse, die auch vor der evangelischen Kirche nicht Halt machten. In dieser, wie ähnlich in allen Institutionen, war das Bemühen der Leitung vordergründig, bekannte und tradierte Strukturen und Ordnungen zu erhalten. Somit ergab sich ebenso in der Kirche, wie in der umgebenden Gesellschaft, eine tiefgreifende Spannung "zwischen den Polen".

Spannungen solcherart, dass Hermann Dietzfelbinger, bayerischer ev. Landesbischof und EKD Ratsvorsitzender der damaligen Zeit, sich 1971 bemüßigt fühlte, einen neuen "Kirchenkampf" gegen die Gefahr des "Pluralismus" auszurufen.

 

Jahre des Aufbruchs auch in der bayerischen ev. Landeskirche. Eine Zeit, die bis heute wenig erforscht und wenig gewürdigt wurde, obwohl die damals begonnenen Diskussionen, Demokratisierungsprozesse und strukturellen Veränderungen das Erscheinungsbild und die innere Ordnung nicht nur der bayerischen ev. Landeskirche tiefgreifend verändert haben.

 

Schon in dieser Hinsicht ist die Arbeit von Angela Hager ein Gewinn in der Erläuterung, dass viele der damals in Spannung und Widerstand zu etablierten Ordnung der bayerischen Landeskirche tretenden jungen Studenten, Vikare und Pfarrer in den darauffolgenden 40 Jahren leitende Positionen innerhalb ihrer Landeskirche dann inne hatten. Die "Veränderer und Pluralisten" sind somit im Lauf der Zeit, wie im politischen Rahmen ebenfalls geschehen,  in Postionen gelangt, die es erlaubten, Ihre Grundideen in Veränderungen umzusetzen.

 

Den tragenden Gruppen der "innerkirchlichen Revolte" der damaligen Zeit widmet sich Angela Hager. Gruppen, die zunächst aus sehr konkreten Anliegen heraus entstanden (Veränderung der Ordinationspraxis, Widerstand der Studenten und Vikare gegen den "Verlöbnisparagraphen" u.a.) und in denen in der Folge klare theologische Forderungen in Richtung der Veränderung der Kirche zu einer "Exodusgemeinde" und einer "Kirche für die Welt" differenziert entstanden und im Lauf der Jahre umgesetzt wurden (1975 Ordination von Frauen ermöglicht, 1976 Annahme der Leuenberger Konkordie etc.).

 

Im Rahmen der bayerischen Landeskirche waren tragend der AEE (Arbeitskreis Evangelische Erneuerung), der VBV (Vereinigung bayerischer Vikare) und LabeT (Landeskonvent bayerischer evangelischer Theologiestudenten).

 

Nach Erläuterung von Gegenstand, Verortung und These des Buches folgte eine Aufarbeitung der Geschichte und der charakteristischen Eigenheiten der drei genannten Gruppen mitsamt ihrer Vorgeschichte. Die Ziele der Gruppen (Demokratisierung und Einsatz der Kirche für die Welt) und ihre durchaus verschiedenen Wege, diese Reformvorhaben in fassbare Wirklichkeit umzusetzen bildet den dritten und umfassendsten Teil des Buches.

 

Besonders gelungen dann der vierte Teil, die wissenschaftliche Fundierung der Methode "Interview" und die Auswertung der Interviews.

 

Hier erhebt sich das, letztlich doch eingeschränkte Themenbild auf 10 Jahre jüngerer Geschichte einer ev. Gliedkirche in Deutschland, zu einer generalisierenden Einsicht in die Beweggründe und die Charakteristika damals handelnder Personen. Auch wenn hier Theologen zu Worte kommen, die in einem geographisch begrenztem Umfeld hauptsächlich ihre Wirkung entfaltet haben, wird doch in vielen Gedanken die generelle Haltung jener Zeit deutlich.

 

In  bester Weise wird im Lauf der Untersuchung, der These Hagers entsprechend,  herausgearbeitet, in welcher Weise Grundlagen und Forderungen der 68er Bewegung im Rahmen der genannten Reformgruppen innerhalb der bayerischen ev. Landeskirche wirksam wurden. Ein Prozess, der natürlich auch zu jener Zeit in allen ev. Gliedkirchen stattgefunden hat.

 

Der zweite Teil der Reformanliegen, der "Zeitgenossenschaft" von Kirche und Evangelium wird in eigenständiger Weise gewürdigt. Diese Forderung war kein "Feigenblatt" für rein politische Forderungen, sondern ein tatsächliches, theologisches Anliegen, entsprungen aus der "spezifischen Frömmigkeit dieser Jahre, die den Weg nach draußen suchte".

 

Anhand vor allem der Verdeutlichung im Rahmen der Interviews wird auch dem nicht-theologisch interessierten Leser bewusst, welch tiefgreifende, tatsächlich revolutionäre Veränderungen jene Jahre von 1966 bis 1976 in allen Bereichen und Institutionen der Nachkriegsgesellschaft bis heute prägend wirken.

 

Ebenso wird deutlich, welch z.T. tiefgreifende Auseinandersetzungen im Raume standen und bestanden werden mussten. Auseinandersetzungen, die getragen wurden als Gruppe. Auch die ein wichtiger Punkt der Herausarbeitung im Bereich der Interviews. Im Gegensatz zu vielfachen anderen geschichtlichen Veränderungen, die durch einzelne Personen zunächst initiiert wurden, ist die 68er Zeit geprägt von einer stützenden Gruppenbildung und der Entwicklung von Veränderungsprozessen im Diskurs.

 

Das ist wahrlich ein spannendes Stück Zeitgeschichte über die Grenzen einer theologischen Diskussion in der bayerischen ev. Landeskirche hinaus.

 

Die Aufarbeitung dieser Zeit, der Gründung und Arbeit der Verbände und der Auseinandersetzungen mit teils jahrhundertealten Traditionen durch Angela Hager ist umso bemerkenswerter, als sie sich nur wenig auf Literatur stützen konnte, sondern in mühseliger Kleinarbeit Zeitschriften, Archive und, vor allem, Interviews mit beteiligten Personen zu Grunde zu legen hatte. Gerade aus dieser Kleinarbeit und den Interviews aber ist eine lebendige und vielfältige Darstellung entstanden, in der der "Geist der Zeit", trotz des hohen, wissenschaftlichen Anspruches,  greifbar im Raume steht.

 

Im Zuge des allgemein erwachenden, ev. Kirchlichen Interesses an dieser jüngsten Zeit- und Kirchengeschichte ist Angela Hageres Buch, Band 51 der Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B,  ein umfassender Wegbereiter. Verständlich geschrieben, mit hohem wissenschaftlichem Anspruch und akribisch ausgewerteten Quellen. Aufgrund des spezifischen Themas und der wissenschaftlichen Ausrichtung allerdings keine allgemeine Lektüre für nebenbei.

 

M.Lehmann-Pape 2010