wbv 2011
wbv 2011

Anja Hall – Gleiche Chancen für Frauen und Männer mit Berufsausbildung?

 

Empirische Analyse zum Ausbildungsvergleich

 

Im Rahmen einer Studie des Bundesinstituts zur beruflichen Bildung untersucht Anja Hall einerseits den theoretischen Zusammenhang von Bildungsressourcen, Erwerbstätigkeit und Geschlecht, sowie andererseits , welche Auswirkungen die erlernten Kompetenzen bei Männern und Frauen auf die Positionierung am Arbeitsmarkt haben.

 

Wie durchaus bekannt und durchaus ebenso einem Vorurteil entsprechend, lässt sich im Verlauf der Untersuchung feststellen, dass Frauen im Vergleich zu Männern deutlich häufiger unterwertig erwerbstätig sind. Allerdings nicht unbedingt alleine deswegen, weil man „Frau ist“, sondern vor allem aufgrund der spezifisch gewählten Berufe und deren Aussichten am Arbeitsmarkt. Interessanterweise und bei weitem vorher nicht in dieser Klarheit ablesbar, steht als Ergebnis der Untersuchung ebenso im Raum, dass Frauen signifikant häufiger in ihrem erlernten Beruf verbleiben als Männer.

 

Anja Hall legt eine ausführliche, in Teilen kleinteilige, Untersuchung vor und stellt damit Material für eine differenzierte Sicht zu Fragen von Frauenberufen, Ausbildungsadäquanz, Berufswechsel, unterwertiger Erwerbsarbeit und Niedriglohnbeschäftigung zur Verfügung. Sowohl auf der Ebene der Fachadäquanz (inhaltliche Übereinstimmung von erlerntem und ausgeübten Beruf), als auch der Niveauadäquanz (Ausbildungsqualität in Bezug zum Niveau der Tätigkeit später) stellt Hall profunde Ergebnisse dar, weist Unterschiede auf (unterwertige Erwerbstätigkeit gerade bei Frauen) und legt so, Stück für Stück, „gefühlte“ Unterschiede nun empirisch unterfüttert vor. Ganz nebenbei verdeutlicht die Studie ebenfalls die hohe Fluktuation im Blick auf den zunächst erlernten Beruf. Jeder dritte Befragte verrichtet eine Tätigkeit, die mit dem ehemals erlernten Beruf nichts mehr zu tun hat. Wobei auch hier wieder, geschlechtsspezifisch stark unterschiedlich, dieser „vollständige Berufswechsel“ quantitativ deutlich mehr bei Männern nachzuweisen ist. Als Ergebnis steht, dass „frauenspezifische Berufe“ (Gesundheitswesen und Erziehungsberufe) an sich seltener gewechselt werden als die wesentliche breiter vorliegenden „Männerberufe“.

 

Ebenso interessant sind die aufgezeigten Gründe für unterwertige Beschäftigung, die Frauen höher betreffen als Männer. Hier liegt weniger eine geschlechtsspezifische Begründung vor, viel stärker ins Gewicht fällt der erlernte Beruf an sich. Berufe, bei denen über Bedarf ausgebildet wird, Berufe, die mit höherer Arbeitslosenquote einhergehen und die ein hohe Spezifität aufweisen (somit wenig Transferpotential in andere Berufe hinein haben), führen häufiger zu unterwertiger Erwerbstätigkeit und zu einem Verharren in solcher, da Alternativen ob der Berufsausbildung zunächst fehlen. Die beruflichen Chancen von Frauen können daher nicht pauschal als „schlechter“ gekennzeichnet werden. Wohl aber hat der gewählte Beruf von Frauen eine hoch differenzierende Wirkung auf den späteren Erwerbsverlauf, stärker, als dies bei Männern feststellbar wäre. Frauenberufe sind heterogen und weisen höchst unterschiedliche Arbeitsmarktchancen auf, dies ist eine wichtige Erkenntnis der Studie. Ebenso, wie die Studie eine Erweiterung auf andere Ausbildungsqualifikationen genauso  nahe legt wie auf eine nähere Untersuchung zur Empirie und Begründung von Berufswechseln in Deutschland.

 

Sauber recherchiert, in Teilen kleinteilig zusammengestellt und jederzeit mit Zahlenwerken unterfüttert, legt Anja Hall zur konkreten Frage der Chancengleichheit von Frauen und Männern eine differenzierte Studie vor, die einige interessante Ergebnisse aufzuweisen hat und gerade das Phänomen unterwertiger Erwerbstätigkeit und des Niedriglohns geschlechtsspezifisch aufschlüsselt und in seinen Begründungen fundiert darstellt.

 

In komplexer Sprache und mit hohem wissenschaftlichen Anspruch versehen, ist dieses Buch nicht zur einfachen Lektüre, sondern zur forschungsgerichteten Arbeit hin konzipiert. Die Lektüre erfordert eine hohe Konzentration beim Leser. Für den Bereich der in der beruflichen Bildung Tätigen bildet das Buch eine durchaus interessante und wichtige Lektüre, die in ihren Inhalten durchaus über die rein geschlechtsspezifische Grundfrage hinausreicht.

 

M.Lehmann-Pape 2011