DVA 2013
DVA 2013

Annette Großbongardt, Rainer Traub (Hg.) – Das Ende des Lebens

 

Annehmen heißt Angst verlieren

 

Auch wenn der Verstand es weiß, ist es der Emotion fast unvorstellbar. Dass nicht nur „das Leben“ (der anderen), sondern eben auch die eigene Existenz endlich ist, der Tod kommen wird, das Sterben nicht vermieden werden kann. Und da die Emotion eine starke, vielleicht in ihrem ständig unbewussten Wirken die stärkste Antriebskraft des Menschen (des einzigen „Tieres, dass ums ein Endlichkeit weiß“) ist, ist es verständlich, dass dieses Wissen gerne verdrängt, ausgeklammert, an den Rand geschoben wird. Seit es Menschen gibt macht der Tod Angst. In der gegenwärtigen modernen Gesellschaft wird dieses „an den Rand schieben“ mehr und mehr überwertig und ist wörtlich zu nehmen. Sterben geschieht oft und oft und mehr und mehr „am Rande“, in Pflegeheimen, Krankenhäusern.

 

Doch es ist zu beobachten, dass seit einigen Jahren bereits die Diskussion darüber vermehrt in den Raum tritt. Dass „Sterben und Tod“ nicht mehr „stillgeschwiegen2 werden, sondern in erkennbarer Häufung Thema wird. Gut so, denn, das betonen die Herausgeber richtigerweise, „dabei spricht alles dafür, dass die Angst vor dem Tod immer größer wird, je weniger wir die Grenzen des Lebens in unser Denken lassen“. Ebenso gut nun, dass die Herausgeber in diesem Buch sich dem Geschehen „des Endes des Lebens“ von sehr vielen, sehr unterschiedlichen Seiten her nähern.

 

Wie sähe das aus, ein „gutes Ende“ in einer Welt, die sich schwer tut mit dem Tod? Wie kann man das beherzigen, das „Reden, Reden, Reden“, welches der Palliativmediziner Borasio dringend empfiehlt? Wie viel Trauer ist eigentlich gesund? (Denn nicht nur das eigene Sterben steht im Buch als Thema im Raum, auch der Umgang mit dem Sterben an sich, mit der Trauer).

 

Neben allgemein Betrachtungen und die Mitteilung persönlicher Haltungen zu den verschiedenen Aspekten von Sterben du Tod bietet das Buch auch konkrete Erlebnisse, persönliche Wege des Umgangs, Der Witwer, der Schritt für Schritt den Tod seiner Frau überwindet. Ein Mann der Wissenschaft, der an diesem Geschehen auch emotionale Reifung (noch einmal und tiefer) erfährt, der aber auch in der äußeren Struktur nicht zu unterschätzenden Halt findet.

 

Daneben stehen Hinführungen und Beiträge solcherart, in denen der Tod zum Leben untrennbar gehört. Da, wo der Tod den Beruf mit ausmacht. Der letztens verstorbene Bestatter Fritz Roth kommt zu Wort, der mit seiner ganz anderen, bahnbrechenden „Trauerhilfe“ und seinem ganz besonderen Umgang mit dem Tod Zeichen für eine moderne Trauerkultur gesetzt hat. Wie auch zum Polizeidienst es gehört, Todesnachrichten zu überbringen und im Hospiz der Tod sehr aktiv begleitet wird.

 

Was also ist alles zu sagen zum Geschehen am Ende des Lebens? Was tun bei Trauer und für den Trost (derer, die dem Tod ins Auge schauen und derer, die ihn in ihrem Leben dann zu tragen haben)? Welche Haltung kann man zur Sterbehilfe entwickeln und „wem gehören wir eigentlich“ (eine intensive und spannende Frage gerade in der Art, wie Martin Walser ihr im Buch auf wenigen Seiten eindrucksvoll  nachgeht)?

 

Ein interessantes, teils anrührendes, immer emotional berührendes Buch, das dem Leser Seite für Seite mehr motiviert, sich auch mit dem eigenen Lebensende auseinanderzusetzen. Ein Plädoyer auch gegen „den Niedergang der Sterbekultur“ mit vielen verschiedenen Herangehensweisen, welche die Angst nicht einfach nehmen, aber vielfache Hinweise und ruhige Möglichkeiten darstellen, dieser Angst im Leben bereits in guter Weise zu begegnen.

 

M.Lehmann-Pape 2013