Metzler 2013
Metzler 2013

Anselm Gerhard, Ute Schweikert (Hg.) – Verdi-Handbuch

 

Umfassend, fundiert und überzeugend

 

In vier Hauptteile unterteilen die Herausgeber diese sehr breite und überaus fundierte Darstellung Verdis, seines Werkes und der Rezeption dieses Werkes. Das Wirken Verdis im „italienischen 19. Jahrhundert“ (an sich schon eine mehrdeutige und zutreffende Wortschöpfung) und die Rezeption des Werkes umrahmen die Darstellung der „Technik“ Verdis zwischen „Konvention und Innovation“ und eine ausführliche und ganz hervorragen zu lesende Darstellung der Werke Verdis und seiner „entwickelnden“ Haltung als Komponist.

Eine breite Darstellung durch diverse Autoren im Buch, die man durchaus in ihren Beiträgen auch um den Schwerpunkt herum verstehen und lesen kann, jenen „Leierkastenmusiker“, dem „naive Sinnlichkeit“ unterstellt wird und der im Vergleich zum zeitgleich wirkenden Wagner als „zu leicht“ befunden wurde, in seiner Bedeutung als „denkender Komponist“ herauszustellen .

Ein Anliegen, das im Buch im Übrigen überzeugend gelingt und einen fundierten Zugang zu Zeit, Person, Kompositionstechnik und Werk ermöglicht, der die Unterstellung eines „intellektuell gleichsam zurückgebliebenen Stand des Musikdramas“ als Bewertung des Schaffens Verdi klar widerlegt.

Hierbei werden sowohl die „Atmosphäre der Zeit“, die speziellen Umstände in Italien, die damalige wirtschaftliche Kraft der italienischen Opern und die Mechanismen ihrer Verbreitung ebenso differenziert im Buch dargestellt, wie das nicht spannungsfreie Verhältnis Verdis zur Kirche und zur politischen Zensur. Gerade weil die Voraussetzungen des Schaffens Verdis schon zu seinen Zeiten dem deutschsprachigen Publikum eher fremd waren, ist diese breite Darstellung des „Umfeldes“ und der sozialen und kulturellen Gegebenheiten eine spannend zu lesende Grundlegung, die für das Verständnis des gesamten Werkes eine fast unumgängliche Voraussetzung darstellt.

Welche Elemente in der Formung und Gestaltung einer Oper wichtig waren, wie Verdi diese nutzte, wie er den „Vers als Voraussetzung der Vertonung“ bearbeitete, wie tonal seine Musik charakteristisch zu fassen ist, bis hin zur optischen Umsetzung, zur Aufführungspraxis reichen die weiteren Auseinandersetzungen im Buch. Manches Mal durchaus kleinteilig und damit ein stückweit trocken zu lesen, immer aber nachvollziehbar dargestellt und argumentiert.

Umfassend sind die Werke dargestellt, darunter auch jene, die nicht zur Aufführung bestimmt waren.

Wie Werktreue in den folgenden Jahrhunderten zu verstehen war, was wirklich hinter der (meist künstlich betonten) „Rivalität“ zu Wagner steht, wie weit innerhalb der Rezeption auch eine „Trivialisierung“ stattfand, wieweit überhaupt sich der „Mythos Verdi“ entwickelte und im Lauf der Zeit Veränderungen erfuhr, auf der Basis der ersten Hauptteile ist die Rezeption bis hin zur Postmoderne nun mit offenen Augen zu lesen und vollzieht im Buch Schritt für Schritt auch die Verfälschungen und Versuche der originären Bewahrung in folgenden Inszenierungen auf. Die verschiedenen und in Teilen sich widersprechenden Verständnisse von Verdis Werk und die daraus folgenden verschiedenen Interpretationen von Inszenierungen („Verdi und das Regietheater“) bieten einen beredten Blick auf die Vielfältigkeit Verdis selbst und die Breite an Möglichkeiten, die sein Werk der Rezeption bis heute lässt.

Im Gesamten bietet das Handbuch eine große Breite des Zugangs zu Verdis Zeit, den auf ihn wirkenden Einflüssen, seiner Technik in Komposition und Aufführung, der einzelnen Werke und der vielfältigen Rezeption und legt zugleich Begründungen für die sehr verschiedenen Rezeptionen und Verständnisse der Person Verdis vor. Eine reine Biographie Verdis wird dem Leser im Buch nicht geboten, wohl aber vielfältige und öffnende Zugehensweisen, die ein fundiertes Gesamtbild von Person, Werk und Rezeption ergeben.

 

M.Lehmann-Pape 2013