Siedler 2017
Siedler 2017

Antonio Damasio – Im Anfang war das Gefühl

 

Wichtigster Baustein für die innere Balance

 

Was braucht ein Wesen um in gefahrvoller Umwelt zu überleben? Sicher, einerseits eine gewisse Intelligenz, um sich die Umwelt nach und nach „passender“ zu gestalten. Vor allem aber ein Instrumentarium an Möglichkeiten, schnell und umgehend zu reagieren.

 

Emotion, Intuition, Impuls und Reaktion. Wenn gefahren drohen, ist es nicht an der Zeit, lange und briet pro und contra gegeneinander abzuwägen und nach bestmöglichen Lösungen zu suchen. Sondern dann ist es an der Zeit, umgehend „aus dem Bauch heraus“ zu agieren. Kampf, Flucht, zur Verfügung stellen von Adrenalin für höchste Konzentration und gegen möglichen Schmerz, all das sind Instrumente, die auf der Ebene der Gefühle beim Menschen anzutreffen sind und ein unmittelbares Reagieren erst ermöglichen.

 

Mit dem Ziel, wie Damasio es formuliert, „Homöostase“ „im System“ (in der inneren Persönlichkeit und Erlebniswelt des Menschen) herzustellen. Eine „Balance“, die einerseits Schutz ermöglicht und andererseits den Blick für „nebenliegende“ Möglichkeiten und damit Fortschritt und Entwicklung öffnet.

 

Wie bei allem biologischen gilt aber auch hier, leger gesagt, „von Nichts kommt Nichts“. Und somit liegt die Schlussfolgerung nahe, evolutionsbiologisch dem „Ursprung der Gefühle“ nachzugehen.

 

So ergibt sich das Thema des Werkes aus dem Leben selbst heraus bis dahin, dass Damasios Erkenntnisse dahin gipfeln, jene „Gefühle“ für die zentrale Kraft des Menschen zu setzen. Ohne Gefühle kein menschliches „bewusstes“ Leben im bekannten Sinne und damit auch kein Fortschritt, keine sozialen Verbindungen, keine Kultur und keine weiterführenden Erkenntnisse.

 

Was sich zwar interessant liest, im Vorgehen des Autors aber doch viel mit „“Glauben“ zu tun hat. Denn belastbare Forschungsergebnisse werden nicht ausführlich dargestellt und zudem leidet Damasio am gleichen Problem wie jeder, der sich „allgemein“ über Gefühle äußert. Denn der Begriff „Gefühl“ ist ans ich zunächst eher unbestimmt, fast nebulös und bedürfte je einer sehr konkreten und feinfühligen Darstellung, um das Ganze griffiger und klarer für den Leser zu gestalten. So, wie Damasio den Begriff nutzt, bleibt einfach zu viel Spielraum für subjektive Interpretationen, was gerade unter „Gefühl“ empfunden oder verstanden wird.

 

Gerade weil jeder umgehend eine gewisse Assoziation zum Begriff aufbringt, fällt diese Unschärfe im Lauf der Lektüre erst spät auf, dann aber mit doch nachhaltiger Wirkung.

 

Die Setzung von „Gefühlen“ als „existenzielle Grundlage“ der menschlichen, kulturellen Entwicklung noch vor der Sprache, dem ausgeprägten Sozialverhalten und den vielfachen Möglichkeiten des Intellekts bleibt so eher als These denn als solider erwiesener Fakt im Raum.

 

Auf der anderen Seite aber ist es durchaus spannend und auch wichtig, den zentralen Gedanken im Buch zu folgen um sich begründet eines „nur Nebenbei“ von Affekten und Gefühlen verwehren zu können.

 

Nicht nur die psychoanalytische Tiefenanalyse hat ergeben, wie zentral unbewusste und damit auch emotionale Vorgänge für die Entfaltung und Entwicklung des Individuums und ganzer Gesellschaften ist, auch die Neurobiologie, die Damasio als sein Forschungsgebiet schon lange gesetzt hat, weiß von der hohen lenkenden Bedeutung der Affekte und Emotionen.

 

Das ist der Teil des Buches, das als sehr gelungen und zudem sehr verständlich nach der Lektüre im Raum verbleibt. Und so setzt Damasio am Ende zu Recht, wenn auch nicht durchweg stringent im Buch begründet, die „Gefühle“ als „Motiv menschlicher Entwicklung“ im Rahmen der Evolution.

 

 

Ein interessanter Blick in die Urspränge der menschlichen Kultur.

 

M.Lehmann-Pape 2017