KLett-Cotta 2014
KLett-Cotta 2014

Ariadne von Schirach – Du sollst nicht funktionieren

 

Wenn das Leben selbst zur Ware wird

 

Effizient, leistungsbereit und leistungswillig, hungrig nach Erfolg und Reichtum, jung, dynamisch, gesund.

 

Die Liste der Eigenschaften, die der „moderne Mensch“ anscheinend braucht, um unter Seinesgleichen Anerkennung und Erfolg zu finden, ließe sich beliebig fortsetzen. Ob das aber dem Menschen so wirklich inne liegt und ihm langfristig überhaupt gut „zu Gesichte“ steht, das nun bestreitet Ariadne von Schirach vehement.

 

Die Ursache für das „moderne Menschenbild“ sieht sie folgerichtig auch  nicht in einer wie immer gearteten innerlichen evolutionären Entwicklung begründet, sondern in der „Allgegenwart der Märkte“.

Das Leben selber wird zur Ware, die Menschen tragen im doppeldeutigen Sinne des Wortes „Ihre Haut zu Markte“. Mit vielfachen Folgen, auch jener, dass der „äußere Schein“ deutlich mehr an Gewicht gewonnen hat als in früheren Zeiten der Kulturgeschichte. Was auch daran liegen mag, dass die wichtigste Kompetenz in einer „Zeit der Märkte“ für den Menschen ist, sich selbst „vermarkten“ zu können.

 

Dies alles legt von Schirach sehr beredt vor die Augen des Lesers, nimmt im Hintergrund vielfache, durchaus aber schon gut bekannte, öffentliche Diskussionen auf (vom „Downshifting“ bis zur Warnung vor „Burn-Out“ oder der Kampf gegen die zunehmende Schnelligkeit aller Dinge) und setzt dem, auch nicht neu, den Ruf nach einer „neuen“ Gelassenheit entgegen.

Einem „warmen, umarmenden“ Umgang mit sich selbst, einem „Loslassen“ von allen inneren Zwängen, die von außen dem Menschen entgegengebracht und von ihm selbst verinnerlicht werden.

 

Gegen einen Perfektionismus an Leib und Seele mitsamt aller Folgen des ständigen „Trainings“ und des ebenso ständigen Gefühls, „nicht zu genügen“ rät sie zur „Genuss-Seite“ des Lebens, zum „lockerlassen“, leger gesagt.

 

Was sich alles gut liest, hier und da ein wenig gedrechselt in den Formulierungen einher kommt, zu dem man aber auch bei zunehmender Lektüre feststellt, dass von Schirach nicht unbedingt Neues an Erkenntnissen zur „Seinfrage“ des Menschen beisteuert.

 

In der ein oder anderen Form hat man dies alles bereits gehört und in diversen Medien verfolgen können. Was im Übrigen natürlich nicht heißt, das von Schirach nicht Recht hätte und ihre Analyse nicht zutreffen würde. Zumindest auf eine große Zahl der Menschen in der gegenwärtigen Welt trifft es ja durchaus zu, dass sie nicht selbst die Kontrolle und die Rahmenbedingungen ihres Lebens mit in der Hand haben, dass gerade im Lauf der letzten Jahrzehnte sich fast wieder ein (vielleicht nie verschwundenes, nur verdeckter vorliegendes) Feudalsystem offen wieder zeigt.

 

Ein einfaches „Zurück zum Eigentlichen“, welches „Damals“ (wann immer das genau war) besser für Menschen funktioniert hat, ist allerdings ein bisschen wenig an Ertrag für die Lektüre des Buches. Wie man angesichts der globalisierten Welt mit ihren aktuellen Herausforderungen das eigene „Leben (wieder) umarmen“ kann, das erschließt sich nicht ganz aus der Lektüre. Bekanntermaßen ist ein „zurück“ ohne gleichzeitiges „Aussteigerleben“ nicht „einfach so“ zu haben.

 

 

So verbleibt eine sprachlich schön zu lesende Analyse bekannter Probleme, die auf den Menschen in der modernen Welt zukommen, eine Erinnerung daran, dass dies nicht alles und nicht das Wesentliche des Lebens sein kann und ein Anstoß, in eigener Reflexion zumindest hier und da eher auf Genuss und Freiheit zu setzen statt auf Eigenoptimierung und Laufen im Hamsterrad.

 

M.Lehmann-Pape 2014