S.Fischer 2016
S.Fischer 2016

Erdung

 

Es ist noch gar nicht so lange her (wobei in einer Zeit der exponentiellen Entwicklung von Informationen, der ständig sinkenden Halbwertzeit von Moden, Wohnorten und Lebenshaltungen 10 Jahre deutlich mehr an Entwicklungen beinhalten als in früheren Zeiten 50 Jahre), da gehörte das Alter, der Verfall, das Sterben und der Tod noch eng in das soziale, vor allem familiäre Leben hinein.

 

Und damit ist nicht nur der „gemütliche Ruhestand“ im Schaukelstuhl vor dem Kamin inmitten der Seinen gemeint, sondern auch die weniger „schönen“ Seiten dieser letzten Phase des Lebens.

 

Verwirrungen, Jähzorn, Altersstarrsinn, die körperliche Pflege, so notwendig, das Sterben, das Aufbahren des Toten, allgemein gesagt, die nicht nur emotionale, sondern einfach auch räumliche Nähe zum Sterben und zum Tod war Teil des Alltags. Eine Nähe, die in den letzten Jahrzehnten weitgehend „ausgelagert“ wurde in Altersheime, Pflegestationen, Krankenhäuser mit ihren modernen Palliativstationen und einer professionellen Bestatterkultur, die letztendlich über einige Zeiten hinweg so ziemlich alles, was mit dem Tod zu tun hatte, von der Familie und dem sozialen Umfeld weg in ihre professionellen Hänge genommen hat.

 

Im Übrigen ist es gerade diese Berufssparte, die seit einigen Jahren bereits, sensibel für Entwicklungen im Umgang mit dem Tod, ihre Haltung und ihr Angebot spürbar (wieder) verändert hat. Aufbahrungen zu Haus (auch wenn der Mensch im Krankenhau oder Pflegeheim gestorben ist), individuell gestaltete Trauerfeiern, die Einrichtung von Abschiedsräumen und hauseigenen Trauerräumen sind hier nur ein Teil der (wiederentdeckten) Trauerkultur, die beginnt, den Tod langsam wieder „in das Leben“ zu holen.

 

Die Pflegemöglichkeiten zu Hause durch professionelle Dienste, die mobile Palliativversorgung, die Hospize, all das zeigt, dass das rein technische „Abschieben“ des Sterbens aus dem Alltag heraus eine (zumindest erkennbare) Gegenbewegung erfährt.

 

Was Atul Gawande sicherlich gefällt, denn sein Buch ist ein ruhiges, sachliches, in den medizinischen Teilen ungeschminktes und dennoch im Kern sensibles Plädoyer für ein Altern und Sterben in Würde (und damit im sozialen Umfeld verankert).

 

Natürlich ist es für so manchen „auf der Höhe der Zeit“ stehenden und sich „jung und fit haltenden“ Leser nicht einfach, dieses „Es geht bergab“ und die Ausführungen Gawandes über die Abhängigkeit im Alter mit wachen Sinnen aufzunehmen, ebenso, wie die sachlichen Hinweise auf die vielen Tode (eben nicht) „vor der Zeit“.

 

Bei aller Höhe der Medizin und Vorsorge, bei aller Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung, der Tod ist der ständige Begleiter des Menschen in jedem Alter. Und auch wenn gilt: „Der Tod kommt später“, diese „letzte Kurve“, die Gawane beschreibt trifft auch heute noch im Blick auf das Sterben in der Regel genauso zu, wie vor hunderten von Jahren, nur später im Leben.

 

„Der Weg, der so verlässlich und stabil erschein, kann immer noch plötzlich vor den Augen verschwinden“.

Und auch, wenn alles seinen normalen Gang“ geht, die Fragend es Alters, der Selbstbestimmtheit (auch des Sterbens), der Geborgenheit, der „Un-Professionalität“ des Sterbens, die man sich tatsächlich trauen muss (bei gleichzeitiger palliativer Versorgung), das sind wesentliche Fragen des menschlichen Seins, die Gawane aufnimmt, erläutert.

 

Und damit vorbereitet, was sein tiefes Anliegen ist: „Mut zur Tapferkeit“ zu machen. Die Wahrheit der Endlichkeit zu sehen, wenn das Sterben ansteht und danach handeln zu können. Und, vielleicht, auch die Tapferkeit für die Medizin, sich nicht auf „Gesundheit“ zu versteifen, sondern das „Wohlbefinden“ primär im Blick zu haben. Was das Loslassen auch von technischer Seite her vereinfachen würde und zu einer tieferen Form der Begleitung Sterbender führen wird (wie auch hier bereits vielfache Ansätze aktuell im „modernen“ Verständnis der Medizin zu erkennen sind).

 

 

Ein wichtiges und lesenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2016