Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Barbara Vinken – Die Blumen der Mode

 

Innere Deutung und Geschichte der Mode


Ende des 20. Jahrhunderts kam sie „in Mode“. Die in Schnitte umgesetzten „erotischen Fantasien“, bei Versace, Montane, Gaultier und anderen wichtigen Modeschöpfern.

 

„Inspirieren lassen sie sich von oftmals bizarr anmutenden Obsessionen“. Höchste Absätze, Schnürkorsetts, Lackleder. Und nehmen damit auf, was „Trend“ ist im „wahren Leben“.

 

Was nur ein, sehr prägnantes, Beispiel dafür ist, wie die Mode und das Design der Mode immer und immer wieder empathisch es verstanden haben (und verstehen), gesellschaftliche Entwicklungen, Nischen, Neuausrichtungen bereits im Vorfeld zu erspüren und Trends zu setzen, bevor überhaupt jene Nische „Mainstream“ geworden war.

 

Nicht nur an dieser Stelle gehen Mode und zunächst kleinere, individuelle Entwicklungen Hand in Hand und machen hoffähig, was zu Beginn eher Aufbegehren darstellte oder einer Absonderung vom Mainstream diente.

 

Die Swinging Sixties, die Zeit des Punk, eben jene erwähnte Phase des „Fetish“ (zu der Valerie Steel eine überaus treffende Modetheorie von „Fetisch. Mode. Sex. Macht“ im Buch beisteuert.

 

Ebenso, wie mit den Einsichten und Einblicken von Pierre Bourdieu und Yvette Desault zugleich Zeitgeschichte in der Betrachtung der konkreten Mode der konkreten Zeit aufgedeckt wird. Wie sich die Aufspaltung der „Szene“ in eine Avantgarde (rive gauche) und des weiterhin starken exklusiven Klassizismus etablierter Häuser (rive droite) sichtbarer Ausdruck der „Teilung der herrschenden Klasse in eine alte und eine neue Bourgeoisie“ vollzog.

 

Da, wo der Körperkult begann und die Ummantelung des Körpers nur mehr dazu diente, diesen bestmöglich zu präsentieren. „Der Körper und nicht mehr das Kleid wird…zum gesellschaftlichen Distinktionsmerkmal schlechthin“. Dem entsprach der Trend des Designs, den Körper als „natürlichen“ zu zeigen und nicht mehr, wie zuvor, das Kleid als solches in den Mittelpunkt zu stellen, um den Körper teils auch bestmöglich zu kaschieren.

 

Vor allem nun eben wurde Mode genutzt, um den „Werte des Trägers / Trägerin“ durch die Kleidung herauszustellen. Ein Wert, der für eine bestimmte Schicht nun eher darin lag, das herauszustellen, was Zeit, Kraft und Geld gekostet hat, der eigene, natürliche, schlanke und in jedem Alter jugendlich wirkende Körper.

 

Zwei Einblicke in das, was Barbara Vinken mit der sehr lebendigen und in sich durchaus aus verschiedenen Perspektiven kommenden Beiträgen in diesem Werk geleistet hat.

 

Die Mode quasi „vom Bügel“ zu nehmen und die tieferen Bezüge der Mode zum gesellschaftlichen Leben, zum Selbstverständnis der Menschen in der konkreten Zeit aufzuzeigen und die Reaktionen von Literaten, Soziologen, Philosophen, Modetheoretikern und vielen mehr daraufhin aufzunehmen.

 

Metrosexualität, Kunst und Krieg, Mode und Armee, Anzug und Eros und Dutzende mehr an teils sehr konkreten, teils eher abstrakten Zuwendungen zur Mode und deren Bedeutung sind die Themen, die vielfach im Buch versammelt sind.

 

Texte, so unterschiedlich sie sind, denen doch in der Zusammenschau im Buch gelingt, das Ziel, das sich Vinken gesetzt hat, zu erfüllen.

 

„Die Mode in ein anderes als gewohntes“ Licht zu rücken und anders über diesen „schönen Schein“, der oft als Avantgarde soziologische Entwicklungen begleitete und beförderte, diesen zumindest immer einen sichtbaren Ausdruck verschaffen hat, zu denken.

 

In einem der stärksten „Signalbereiche“ des Menschen, bei dem gilt: Mode war nicht und ist bis heute nicht konsensuell.

 

 

Ein gerade aufgrund der Vielfalt der Stimmen und der Vielfalt der Richtungen, aus denen diese Stimmen kommen und wessen sie sich annehmen sehr interessantes und aufschlussreiches Buch über Sinn, Zweck und Entwicklungen der Mode.

 

M.Lehmann-Pape 2016