Gütersloher Verlagshaus 2010
Gütersloher Verlagshaus 2010

Bart D. Ehrman – Jesus im Zerrspiegel

 

Entmythisierung

 

Es klafft eine Lücke, was zum einen die praktizierte Kirchlich- und Christlichkeit im Volk und in den christlichen Gemeinden verschiedenster Prägungen angeht und was zum anderen an wissenschaftlichen Erkenntnissen der theologischen Forschung vorliegt. Beides kommt kaum zusammen und so verbleibt eine hohe Differenz zwischen dem, was man letztlich wissenschaftlich weiß und dem, was im Vollzug der Konfessionen kirchlich und gemeindeorientiert immer noch die alltäglichen Formen des Glaubens bestimmen.

Bart D. Ehrman, Experte für Neues Testament an der Universität von North Carolina, selber einer evangelikalen Prägung entstammend, setzt genau an dieser Schnittstelle an, wenn er sich mit seiner Forschung und diesem, seinem neuesten Buch, an jene Leser wendet, die einen Zugang zur verständlichen und ernsthaften Forschung über die Bibel suchen, aber aus mancherlei Gründen bisher nie im Überblick erfahren haben, was für die Forschung vermittels der historisch kritischen Methode seit langem bekannt ist.

Provozierend seine These und das Ergebnis seiner Untersuchung, das Christentum in der vorliegenden Form sei eine rein menschliche Schöpfung.
Spannend seine Folgerungen daraus.
Nämlich nicht die Verwerfung dieses Christentums und seiner Gründungsfigur Jesus Christus, sondern eine Setzung biblischer Geschichten und christlicher Traditionen als das, was sie sind: je zeitgebundene menschliche Glaubensüberzeugungen und Welterklärungen, die durchaus inspirieren, Weisheit in sich tragen, bedenkenswert sind, allerdings eben nicht ein festgesetztes "Wort Gottes" darstellen, dem blind zu folgen wäre.
Wer oder wie Gott ist, was man genau über diesen "wirklichen Gott" sagen kann, wer oder was Jesus genau war, all das verbleibt offen. Nicht nur übrigens im Rahmen dieses Buches, sondern, und dies stellt Ehrman überzeugend dar, gerade durch die wissenschaftlichen Erkenntnis der historisch kritischen Untersuchung der Texte.

Dennoch gibt Ehrman sein Vertrauen in einen wirklichen Gott nicht auf, allerdings bedarf es, wenn man seinen Einlassungen folgt, eines wesentlich differenzierteren Umganges mit der Bibel und christlichen Glaubensaussagen, als das sture Nachplappern eines alten Glaubensbekenntnisses und der Teilnahme an starr fixierten, rein menschlichen Riten und Ritualen in den Kirchen und Gottesdiensten. Ebenso bedarf es eines differenzierteren Herangehens an die Bibel als solche, die reine Behauptung, jedes Wort sei von Gott geschrieben oder zumindest verbalinspiriert hält einer wissenschaftlichen Betrachtung in keiner Form stand.

Ehrman folgt in weiten Teilen in bester Form den Traditionen Bultmanns und dessen Entmythologisierung der biblischen Texte und besitzt den Mut, auch den Kern christlichen Glaubens wissenschaftlich fundiert einerseits zu entzaubern und anderseits zu Recht zu rücken. Er betrachtet wesentliche Evangelientexte, vergleicht und weist auf unübersehbare Widersprüche hin, stellt die Situation der frühen Christen und deren freizügigen Umgang mit mündlichen Traditionen und schriftlichen Zeugnissen exakt dar, vollzieht auf der Basis der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse die Entstehung des Sühneopferglaubens nach, entzaubert Himmel und Hölle und landet dennoch nicht im Atheismus, sondern einem, tatsächlich ganz anderen und dennoch erkennbar bleibenden christlichen Glauben.

Bei all dem folgt er keinem abstrusen eigenen System der Betrachtungsweise, verbiegt und zerredet Erkenntnisse nicht, um sie für seine Theorien passend zu machen, sondern stellt letztlich nur gründlich überprüfte Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung im Zusammenhang dar.

Warum dennoch vieles von dem, was er aufführt, neu und den angestammten Glauben erschütternd wirkt, ist dann eher eine Frage der praktisch tätigen Theologen, Priester, Pfarrer, Prediger und Gemeindeleiter. Gründe für deren verbreiteten Unwillen, das von ihnen in der Ausbildung gelernte in den Gemeinden dieser Welt kritisch weiter zugeben führt Ehrman übrigens einsichtig in Teilen seines Buches ebenfalls an.

Vielleicht sind gerade diese herausfordernden Ergebnisse ernsthafter Forschung der Grund für die immer noch vorhandene Lücke zwischen dem Alltag des Glaubens und dem Wissen der Forscher, denn so gut wie alles, was in den großen Kirchen, den Freikirchen, in evangelikalen Kreisen und vielen andere Gruppierungen steif und fest behauptet wird, lässt sich in all den Widersprüchlichkeiten der biblischen Texte nicht halten. Das aber die Sorge vielleicht vieler starrer Haltungen, der ganze Glaube würde zusammenbrechen, nicht unbedingt die Folge eines echten Wissens sein müssen, dafür steht Bart D. Ehrman in Person. Und dafür, dass der Glauben tiefer werden kann und mit wesentlich mehr Anspruch versehen werden muss, als die ständige interessenmotivierte Rettung von Resten unhaltbaren Kinderglaubens samt Engelbegleitung und Marienerscheinungen in einer erwachsenen Welt.

Fundiert recherchiert, in den Kernergebnissen auf der allgemeinen Linie der historisch kritischen Betrachtung biblischer Texte und mit sachlicher Darstellung legt Bart D. Ehrman eine umfassende Sicht auf das Werden des christlichen Glaubens in menschlicher Interpretation, Erfindung und Auslegung dar.
Ein wichtiges Buch angesichts der immer stärker werdenden Diskrepanz zwischen erwachsener Welt und auf (rein menschlichen) Traditionen beharrender Institutionen und Glaubensgruppen. Für den evangelikalen oder anderweitig massiv frommen Bereich besonders ernüchternd, dass einer der ehemals Zugehörigen hier gründlich mit vielen extrem frommen Überzeugungen aufräumt.

 

M.Lehmann-Pape 2010