Suhrkamp 2017
Suhrkamp 2017

Beate Rössler – Autonomie

 

Eine „Grund-Reibung“ des Lebens und die mögliche praktische Lösung

 

Dass man selbst „Herr über sein Leben“ ist, davon geht man, zumindest in den westlichen Zivilisationen fast selbstverständlich aus. „Seines Glückes Schmied“ ist dabei nur eine der Volksweisheiten und Sentenzen, in denen diese Überzeugung zum Ausdruck kommt.

 

Und allein schon die Aufforderung „Mach mal“, tausendfach gehört im Leben, impliziert ja die „Selbststeuermöglichkeiten“ des Menschen. Das einer gar nicht könnte, das mag man bei sportlichen Höchstleistungen oder anderen Unmöglichkeiten für den „normalen Menschen“ zugestehen, aber die alltäglichen Dinge, das sind doch nur Fragend er autonomen Entscheidungen, oder?

 

Wobei, auf der anderen Seite, sofort schon klar sein muss, dass alleine der Geburtsort vielfaches am Leben mitentscheidet, ebenso, wie die soziale Gruppe, in die man „hineingeboren“ wird und aufwächst. Wie die Wissenschaft von der Psychologie mit der Bindungstheorie bis hin zu den Neurowissenschaften mit ihrem Wissen um „Verdrahtungen im Gehirn“ durch soziale Einflüsse darlegen, ist es mit der Autonomie „einfach so“ nicht weit her.

 

Schon daher passt die philosophische Herangehensweise von Beate Rössler ausnehmend gut, auch wenn das Werk beim Leser ein nicht geringes Abstraktionsvermögen voraussetzt. Obwohl die Autorin über weite Strecken hinweg in bester Weise sehr verständlich schreibt.

 

Die Reibung zwischen dem „Selbstbild“ als autonome Person und den alltäglichen Erfahrungen, wie vieles eben nicht sonderlich selbstbestimmt abläuft und vonstattengeht, beleuchtet das Thema der Autonomie sehr differenziert aus der alten und grundsätzlichen philosophischen Fragestellung des „Seins“ des Menschen her.

 

Wobei auf der einen Seite die Möglichkeiten zu einem und der Wert des selbstbestimmten Lebens klar aufgezeigt werden, ebenso aber auch, dass der Weg dorthin nicht einfach ist, sondern mit Abwehrreaktionen aus dem eigenen Inneren und, natürlich, von außen, gesäumt sein wird. Dass es manchmal unter Umständen gar nicht sinnvoll sein mag, auf Autonomie um jeden Preis zu drängen, denn auch „Automatismen“, sozial geprägt, bilden nicht selten eine wichtige Grundlage für den eigenen Weg zur Autonomie, eben nicht alles neu erfinden zu müssen.

 

So arbeitet Rössler sehr sorgfältig und erhellend jene „Grundspannung des Lebens“ zunächst heraus zwischen der „Möglichkeit und der Unmöglichkeit von Selbstbestimmung“, zwischen der „Idee und dem täglichen Leben“, die in dialektischer Reibung jedem Leben begegnen. Mit vielfachen Beispielen aus der Literatur als „Instrument“ geht Rössler Schritt für Schritt der Entwicklung der Idee der Autonomie (Kant) über das Selbstverständnis des modernen Menschen in liberalen Demokratien bis hin zur sozialen Verankerung und Verhaftung in festgefügten sozialen Regeln nach.

 

Mit dem Ergebnis, da das „Ideal“, die „reine Idee“ nicht wirklich gelebt werden kann, eine „nicht ideale Theorie“ zur Autonomie zu entwickeln. Eine Betrachtungsweise, in der nicht alle Widersprüche aufgelöst werden, aber eine „Befriedung“ zwischen dem Drang (und der Wichtigkeit für ein „gutes Leben“) nach „Selbstbestimmung“ und der Unentrinnbarkeit aus gesetzten Regeln und sozialen (gerne und freiwillig ja oft gelebten) sozialen Verankerungen entsteht. Solange gegeben ist, klar bleibt und, natürlich, auch dafür gekämpft wird, die eigenen Werte des Lebens zu entdecken und zu verfolgen (teils unter mißlichen und erschwerenden Bedingungen wie für Frauen in traditionell islamischen Gesellschaften).

 

Selbstgewählte Wege gehen zu können, wenn auch nicht allein und einsam, sondern unter Kompromissen für das eigene, soziale Leben, das wirkt am Ende der Lektüre als zumindest gangbarer, wenn auch eben nicht „idealer“ Weg zu einem möglichst und weitgehend selbstbestimmen Leben „in (auch) sozialer Abhängigkeit).

 

Und für diesen Ansatz passt es im Übrigen ausnehmend gut, dass Rössler vielfache literarische Bezüge herstellt, denn die Spannung zwischen „Soll und Ist“ als „Solist“ und den tiefen Versuchen, innerhalb der sozialen Gruppe Anerkennung zu erlangen, eben nicht ganz herauszufallen, ist eines der Kernthemen von Literatur überhaupt.

 

Eine sehr anregende, kluge und zugleich praxisnahe Lektüre, die am Ende zum Handeln auffordert.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017