Kiepenheuer & Witsch
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Ben Goldacre – Die Pharma Lüge

 

Eine ungeschminkte Betrachtung

 

„Trotz der vielen Reformen im Gesundheitssektor: Es ist alles im Kern, wie es immer war, auch wenn man uns weismachen will, dass die Missstände überwunden und Geschichte sind.“

 

Missstände, die Ben Goldacre zum Thema seines Buches macht, allerdings nicht einfach in polemischer Form und nicht mit der Absicht, die Pharmaindustrie „auszutilgen“. Eher kann man Goldacre als einen konstruktiven Kritiker betrachten, der die Pharmaindustrie gerne in guter Weise an der Seite der Menschen wüsste (ohne dass dabei kein Geld mehr verdient werden würde, dieses unternehmerische Ziel behält Goldacre durchaus mit im Blick).

 

Aber, so könnte man sagen, nicht auf dem gängigen Weg, der sich in weiten Teilen nicht vor den Augen der Menschen abspielt und sich, wenn überhaupt ein Statement zu erhaschen ist, hinter komplexer Sprache und für Laien unverständliche Erläuterungen verbirgt.

 

Hier hat das Buch eine seiner großen Stärken. Goldacre als Mediziner versteht es, in sehr verständlicher Form, dem Leser vor Augen zu führen, dass es der und in der Pharmaindustrie reinweg ums Geschäft geht. Das Wohl der Menschen, der Patienten spielt da nur eine Nebenrolle. Neue Medikamente, neue „Goldgruben“, das alles unterstützt durch wohlklingende Forschungsergebnisse, vielfach Lüge, wie Goldacre sorgfältig recherchiert und in vielen seiner Darstellungen nachprüfbar darlegt.

 

Das alles unter der Prämisse Goldacres, „dass eine bessere Medizin erreicht werden kann – wenn wir nur wollen“. Und damit den Duktus seines Buches bereits vorgibt. Dass nämlich eine „gute Medizin“ durch die aktuelle Form der Arbeit und des Verhaltens der Pharmaindustrie nicht gegeben ist. Und das nicht nur in Ausnahmen nicht, sondern fast als „Geschäftsmodell“, wie Goldacre nicht müde wird, an vielfachen Beispielen zu belegen.

 

„Warum zwingen uns einerseits die Gesetze, uns anzuschnallen, nicht passiv zu rauchen ......... und warum kümmern sie sich andererseits so wenig um unsere Sicherheit, wenn wir Medikamente einnehmen“? Hinter dieser Frage verbirgt sich der eigentliche Adressat Goldacres (neben dem „normalen“ Bürger und Leser). Gesetzliche Regelungen sind es, die er vermisst und die der Pharmaindustrie weitgehend freie Hand lassen für ihr „schmutziges Spiel“ mit der Gesundheit im Dienste der Rendite.

 

Ärzte beeinflussen, Studien manipulieren, den Nutzen übertreiben, Nebenwirkungen glattweg verschweigen oder mit einer passenden Studie „aus dem Weg räumen“, dieses System der Pharmaindustrie prangert Goldacre an und führt auf den knapp 450 Seiten des Buches mannigfaltige, konkrete Beispiele auf, aus denen er die zu Grunde legende Linie und Haltung ableitet und beschreibt. Wobei Goldacre ebenso den Finger in die Wunde der Rendite legt und durchaus auch Verständnis (nicht für die Handlungen, aber die Haltung) bekundet. Da Pharmaunternehmen keine karitativen Einrichtungen sind, sondern in der Mehrzahl Aktiengesellschaften, wird die einseitig rein wirtschaftliche Ausrichtung verständlich (wenn auch nicht in ihren Folgen tolerierbar). Nur ein klarer, gesetzlicher Rahmen bietet hier in den Augen Goldacres einen „Weg aus der Krise“. Vor allem eine Trennung von Pharmaindustrie und Studienbeauftragung. Es kann ja nicht sein, dass die Durchführung von Studien just von jenen Firmen verantwortlich durchgeführt wird, die ein hohes wirtschaftliches Interesse an Ergebnissen der Studien in eine ihnen genehme Richtung haben.

 

Insgesamt ein aufrüttelndes, sehr fachkundiges und klares Buch, das ein wichtiger Schritt hin zum mündigen Bürger gegenüber der Pharmaindustrie darstellt. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch nicht, wie so viele andere, nur kurzfristig wirkt, sondern gerade an verantwortlichen politischen Stellen Lehren aus dieser überzeugenden Darstellung gezogen werden.

 

M.Lehmann-Pape 2013