J.B.Metzler 2016
J.B.Metzler 2016

Benjamin Bühler – Ecocriticism

 

In großer Breite der Darstellung

 

Es ist wahrlich kein einfacher Stoff, kein einfaches Gebiet, dem sich Benjamin Bühler in diesem eher schmalen, dennoch aber mit einer umfassenden Darstellung versehenen Buch, zuwendet.

 

Das „Ganzheitliche Denken“ in der Literaturgeschichte (und damit auch in der Kulturgeschichte), die „Geschichte des ökologischen Denkens“ (eben vor allem mit Schwerpunkt auf die Verarbeitung in der Literatur und der entsprechenden Autoren) bildet den Hauptinhalt dieses Werkes.

 

Seit dem Entstehen des Ecocritisim in den 1970er Jahren begann die Geschichte dieser „anderen“ Literaturwissenschaft, dieser „Neuausrichtung“ der Disziplin im Blick auf vor allem die „globalen Umweltkrisen“.

 

Als literaturwissenschaftliche Theorie mittels vieler, differenzierter und auch ineinander sehr eigenständiger Methoden entstand und entsteht so ein eigenständiges Konzept der Literatur.

 

Was nun jener „neue Gesichtspunkt“ auf literarische Texte ist, was dies für Auswirkungen auf die Analyse von Texten mit sich führt, welche Leitbegriffe sich daraus ergeben, das legt Bühler als roten Faden seiner Betrachtungen vor. Zunächst in Form einer historischen Einordnung der Theorie und sodann in vielfachen praktischen Beispielen und einem fulminanten „Gang durch die Geschichte der Literatur“.

 

Von der „Barocken Ordnung der Natur“ in der Lyrik und bei Martin Opitz über eine breite Darstellung der „Naturkonzepte der Aufklärung“ bis hin zum „Ganzheitsdenken (Goethes „Morphologie“, Monismus und die „Gestaltung der Natur“ im Faust) werden die literarischen Werke in ihren gesellschaftlichen und ökologischen Kontext gestellt und ausgewertet.

 

Ist dies in manchen Epochen der Literatur noch als deduktiver Schluss vollzogen und nicht ganz so offenkundig in den jeweiligen Werken selbst drängend im Vordergrund, so bietet der Blick des Ecocriticism auf die „Literatur nach der ökologischen Epochenschwelle“ in großer Klarheit eben jenes „Ganzheitliche ökologische Denken“, das als Grundannahme der Analyse zugrunde liegt.

 

Die engagierte Literatur der 1970er Jahre, die konkrete „Futurische Deformation“ in Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“, die vielfachen und breiten Motive der ökologischen Themen in der Gegenwartsliteratur, all dies bietet eingängiges, praktisches Anschauungsmaterial für die besondere Art der Betrachtung der Literatur des Ecocriticism.

 

All dies bildet im Buch den theoretischen Unterbau und den Vorausblick auf die kulturwissenschaftlichen Perspektiven, die sich in der Geschichte des ökologischen Denkens abzeichnet.

 

Sei es im „Naturwriting“ oder im Genre der Science-Fiction, sei es in offen ausgerichteten, ökologischen Narrativen, Ist-Zustand, Perspektiven und Warnungen (wie in Georg Kaisers „Gas“ setzten ökologische Utopien, die nicht selten von der Gegenwart fast schon im Entstehen überholt werden. Im Spannungsbogen zwischen einer „Rückkehr zur Natur“ oder einem „Vorwärts in technische Lebenswelten“.

 

Vielfach sind die Informationen, die Bühler aufarbeitet, ebenso vielfach seine Themen und Betrachtungen.

Allerdings verbleiben für die einzelnen Linien und Grundlagen (wie z.B. bei der „Epistemologie von Menschen und anderen Seins-Formen“) je nur relativ wenig Platz. Für weitergehende Vertiefungen muss daher der Leser am Ende der Lektüre unter Zuhilfenahme des Literaturverzeichnisses selber Sorge tragen.

 

Auch sprachlich ist das Werk nicht einfach zugänglich. In Teilen bedarf es einer hohen Konzentration, um abstrakte Gedanken zu fassen und ebenso Konzentration, um den roten Faden hinter all den Einzeldarstellungen nicht aus dem Blick zu verlieren.

 

Im Gesamten bietet Bühler aber durchaus, was er vorgibt: eine breite und umfassende Einführung in den Ecocriticism, die in dieser Form zurzeit als Standard angesehen werden kann und dieses nicht breit bekannte Feld der Literaturwissenschaft nun zugänglich gestaltet.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016