Herbert von Halem Verlag 2012
Herbert von Halem Verlag 2012

Bernhard Pörksen, Hanne Detel – Der entfesselte Skandal

 

Digitales Leben ohne Kontrolle

 

Die Piratenpartei im bundesweiten Aufwind. Eine expansive Ausweitung sozialer Netzwerke, die sich beileibe nicht nur in Facebook erschöpft.

 

Dies einhergehend mit einer zunehmenden Diskussions- und Recherchefreudigkeit im Net (hier reicht alleine schon die Erwähnung der inzwischen mannigfaltig durchleuchteten Doktorarbeiten, um die Macht des Netzes auch für das „analoge“ Leben zu dokumentieren), aber auch mit einer hohen Anonymität und durchaus rauen Sitten (die unter Umständen genau mit dieser Schutz Anonymität einhergehen). Zudem eine Allgegenwärtigkeit und eine Speichermöglichkeit gerade für mannigfaltige Bild, Film und Wortschnipsel, die durchaus zu Lasten des ein oder anderen Angesprochenen oder Abgebildeten gehen.

 

Shit Storms auf Twitter, Mobbing, Verleumdung, unflätige Sprache in vielfachen Foren und Kommentarfunktionen sprechen eine klare Sprache dahin, dass sich Form, Art und Stil des öffentlichen Diskurses in und durch das Internet und in und durch eine „mediale Allgegenwart“ in einer starken Veränderung befinden.

 

Schon das erste Beispiel im Buch zeigt auf, wie leicht und schnell jeder in verfängliche Situationen geraten kann, welche sich dann umgehend und dauerhaft „gespeichert“ in der „weltweiten“ Öffentlichkeit des Net wiederfinden. So manch einer fand sich durchaus bereits als „Netzberühmtheit wider Willen“ schon auf youtube verewigt, wie das „Star Wars Kid“, mit durchaus belastenden Folgen für das „ganz normale“ Leben.

 

Eine Masse an „Skandalen“ kleinen und größeren Ausmaßes, die durchaus allein bereits durch ihre Verkürzungen ein Problem darstellen (Edmund Stoiber lässt sich sicherlich im Gesamten nicht auf seine sprachlichen Transrapidäußerungen alleine reduzieren).

 

Selektive Auswahl, Nachbearbeitungen, der Unterschied zu den alten Medien, die „neuen Opfer“ und die Macht des Publikums, die umfassenden Möglichkeiten einer „gandenlosen Dokumentation“ und die Folgen, wenn jedes Handy zu geschärften „Allzweckwaffe“ wird, all diesem gehen die Autoren im Buch in leicht verständlicher Sprache und anhand griffiger Beispiele nach. Zeigen dabei auf, wie die allzumenschliche „Lust an der Diffamierung“ ganz neue, breite und durchaus nachhaltige „Spielweisen“ erhält. Folgen, welche die Autoren in den beiden Begriffen „Kontrollverlust“ und „Kontextverletzung“ ebenso griffig dann zusammenfassen und einer Kritik somit zuführen. Denn es ist eine offene und durchaus mehr und mehr drängende Frage, wessen Geschichte und wessen Sichtweise zählt und damit zur Grundlage für zu findende Regelungen werden kann. Die mannigfaltigen Geschichten der Cyber-Opfer und der degenerierenden sozialen Umgangsformen oder die des arabischen Frühlings? Beides Folgen einer Transparenz, die neu und breit im Raume steht.

 

Fragen, auf die Autoren keine einfache und klare Antwort zu geben bereit sind, zu deren möglicher Beantwortung sie aber vielfaches Material für die eigene Reflektion und die öffentliche Debatte liefern.

 

Verständlich, präzise und an der Praxis orientiert, bieten die Autoren eine sehr interessante Lektüre zur „Öffentlichkeit des Internet“, die einen Anstoß zu einer größeren (und nötigen) Diskussion liefern will und liefern kann.

 

M.Lehmann-Pape 2012