Heyne 2014
Heyne 2014

Brigitte Witzer – Die Diktatur der Dummen

 

Sich Luft machen

 

Was eigentlich ist „dumm“ wirklich?

 

Nicht immer greift Brigitte Witzer hier wirklich belastbare Beispiele heraus.

Dieter Bohlen, im engeren Verständnis des Wortes, ist nicht „dumm“.

Mit Abitur und Studium der Betriebswirtschaft gehört er eher zu den „Bildungsbürgern“ und erweist sich auch geschäftlich als eher „gewitzt“ (wie die ebenso erwähnte Verona Pooth).

 

Dennoch aber, das stark hinkende Beispiel mit dem „Pop Titanen“ vermittelt dennoch, worum es Brigitte Witzer im Kern geht.

 

Um eine Gesellschaft, in der jene, die differenziertes Denken, eigenständige Meinungsbildung, menschliche Emanzipation für sich wertschätzen, dazu fähig wären und dies alles dann einmünden lassen in den Wunsch, tatsächlich das soziale und politische Leben mitzugestalten, mehr und mehr fast resignierend in den Hintergrund treten. Und dahin auch gerne „gedrängt“ werden.

 

Nicht zuletzt durch Medien und deren Entwicklung, wie Witzer nachhaltig aufweist.

 

In einer Zeit, in der große Boulevardblätter wie die „Bild“ mit Preisen für journalistische Recherche bedacht werden , kann einiges nicht stimmen.

Mit dem Journalismus im Verständnis vergangener Tage.

 

Witzer begründet dies im Übrigen, trotz manch polemische Aussagen natürlich, durchaus sauber und akkurat. Es geht nicht um nur eine eigene „Geschmackssache“, sondern, wo man auch hinschaut, in Wirtschaft, Medien, Politik, allein der „Ertrag“ scheint von Beginn an im Blick, eine gründliche intellektuelle Auseinandersetzung findet nicht statt (zu mühselig, zu störend), „Marktschreier“ setzten sich überall „da oben“ fest und der „normale Bürger“ lässt sich selber fast ohne größere Gegenwehr auf die Rolle einer „Arbeitsdrohne“ und eines „Konsumenten“ reduzieren.

 

„Der Klügere gibt eben nach“. Das scheint der Fakt zu sein, wendet sich vielleicht gar leicht angewidert von all dem ab. Mit Folgen.

 

Und hier kann der Leser Witzer in großer Breite innerlich folgen.

Frei Nach Witzers Motto: „Näher hinschauen lohnt“, lohnt auch die Auseinandersetzung mit ihren Argumenten und Thesen.

 

In einer Welt, in der Massenmedien „Gefühle machen“ und vor allem „Gefühle“ (statt Fakten und Hintergründe) transportiert werden (auch und gerade in den öffentlich rechtlichen Medien, trotz ihres eigentlich anders lautenden Auftrages. Im Rahmen eines „Maßes aller Dinge“, das nicht mehr als „Aufbruch“ wie Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein gerütteltes Maß an politischer Wachheit in sich tragen würde, sondern „Wachstum, Marketing und Konsum“ wie einen Fetisch (alternativlos) verehrt.

 

Die Orte der Bildung, gerade die Universitäten verändern sich hin zu „Zertifikatanstalten“ und „Zulieferern“ von perfekt gestalteten Arbeitsdrohnen, die Politik hält sich eng an Wirtschaft und die Marktschreier, ist somit ebenso „dumm“ oder auf dem besten Weg, freiwillig zu „verdummen“.

 

Und das „Wir“ in Witzers Darlegungen lässt das alles einfach geschehen.

Soweit die Analyse, die überzeugend im Buch vorliegt.

 

„Was tun?“ wäre die Frage, die Witzer nicht ausgearbeitet mit einem „Programm“ beantwortet, durchaus aber eine klare Richtung im zweiten Teil ihres Buches benennt.

 

Sich selbst zu „steuern“, die Tricks zu durchschauen, sich nicht einfach vereinnahmen oder an den Rand drängen zu lassen. Der „Feind kommt eben gerade nicht allein von „Außen“, sondern auch aus der Mitte derer, die all das zulassen, die „nachgeben“, statt energisch gegen zu halten. Witzer nennt sehr konkret und sehr übersichtlich jene Haltungen, die es braucht und ebenso jene gesellschaftlichen Entwicklungen, gegen die Widerstand notwendig ist.

 

Nicht mit Schaum vor dem Mund, sondern weitgehend durchaus differenziert und überzeugend argumentiert liefert Wietzer all jenen ein und kompaktes „Sprachrohr“, die seit Längerem den Eindruck bereits haben, dass im Lande „irgendwas nicht stimmt“.

 

Auf dem Weg hin zu einem mündigen Bürger, einem differenzierten Verbraucher und einem Beharren auf der eigenen Autonomie statt „gemachter Gefühlszustände“.

 

 

Ein sehr lesenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2014