Solibro 2015
Solibro 2015

Burkhard Voss – Deutschland auf dem Weg in die Anstalt

 

Zuviel Refelxion

 

„Sich zurück-versichern“, die Dinge richtigmachen. Alles genau verstehen, liebe noch mal nachfragen, alles weitgehend aus dem Wunsch heraus, keine bösen Überraschungen in der Zukunft zu erleben, die Kontrolle zu behalten, „in Sicherheit“ zu sein. Man sollte es nicht unbedingt völlig generalisieren, ein deutliches stückweit aber schon beschreiben solche „reflektierenden Haltungen“ die deutsche Mentalität.

 

Was früher vielleicht als gutmütiger Scherz von Bewohnern südlicher europäischer Gefilde über die „Perfektionisten“ in Deutschland geäußert wurde, hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten aber, folgt man Voss in seinen Darlegungen, pathologische Formen angenommen.

 

Angefangen bei der Intellektualisierung auch des privaten, emotionalen Bereiches, des oft, so gut wie immer „drüber Redenmüssens“ seit Ende der 60er Jahre in der politisierten Jugendkultur, zieht sich eine immer stärker werden Linie des äußeren, aber auch inneren Zwangs zur Reflexion von „allem und jedem“ durch die Jahrzehnte bis in die Gegenwart hinein.

 

„70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg geht es den Menschen in Deutschland so gut wie nie zuvor…. Aber eine wachsende Anzahl von Bürgern unseres Landes will die objektiven Verhältnisse offensichtlich nicht mehr wahrhaben. Sie reflektieren in einer Art Endlosschleife die subjektive Befindlichkeit und scheint sich in psychische Krankheitskonzepte…zu flüchten“.

 

Wo bringt es das Vorwort des Buches auf den Punkt. Ein beständiger Blick auf sich selbst, auf die „innere Befindlichkeit“ im Gefolgte erfolgreicher Konzepte wie „Achtsamkeit“ oder vielfacher anderer Ratgeber zur persönlichen Nabelschau, flankiert von einer breiten Industrie der Psychotherapie, die (natürlich nur in Teilen und nicht generell) auch ein Stück davon lebt, Krankheitsbilder auszuformulieren.

 

Neben der Unsinnigkeit so manch übertriebener Schau auf sich selbst (und damit auch eines überzogenen sich selbst als das nicht nur persönlich, sondern allgemein Wichtigste betrachten), stimmt ebenfalls die Beobachtung , dass es für eine Gesellschaft nicht nutzbringend sein kann, wenn zu viele Ihrer Mitglieder nur mit sich selbst beschäftigt sind.

 

Dass dies bereits die Öffentlichkeit in Form einer Dauerbeschallung von „Selbstbefindlichkeiten“ ohne sozialen Nutzwert durch alle Medien erreicht, das stellt Voss umgehend mit Blick auf „Das Dschungelcamp“, mit Blick auf rücksichtslose Verhaltensweisen von Mitmenschen und andernorts vor Augen. Billig gemachte Jugendsendungen auf RTL2, „Roberto“, der mit seiner holden „Carmen“ sinnentleert vor sich hin plappert und ebenfalls nur mit sich und der Vermehrung von „Das gehört mit“ beschäftigt scheint, alles Symbole einer Gesellschaft, die ängstlich, bang, fordernd, interessiert vor allem eben allein sich selbst in Person im Blick hat.

 

„Was nicht passt, wird passend gemacht“, in der eigenen Welt, der Rest nicht weiter beachtet. Und das gilt für die „Rüpelrepublik“ ebenso wie für die wachsende Zahl der „hyperreflexiv-dauersensiblen“, mitsamt den neuen Religionen von vegan, Bio, Achtsamkeit, Helikoptereltern und was alles bereits in der letzten Zeit diskutiert worden ist,

 

„Wellness-Ära“ und „Wohlfühldiktatur“ sind Begriff, die von Voss umgehend breit und in sehr flüssigem Stil gefüllt werden und das Problem einer aus einer indivualisierten Gesellschaft heraus zu einer egomanischen Gesellschaft werden blüht, so nicht gegengesteuert wird.

 

Woher das stammt, das „psychoanalysieren“ in „allgemeiner Form“, welche „Mythen“ die Reflexionskultur allgemein aktuell breit und vehement und mit vielen verschiedenen Kommunikationsmedien breit streut und, vor allem, wie es anders sein, gehen und sich entfalten könnte (durch „Zivilisierung der Tyrannei der Intimität“, all das führt Voss beredt und mit großem Elan aus.

 

Wobei man nicht jeder seiner (teils sehr überspitzen) Thesen folgen muss, nicht jede Übertreibung direkt anderen unter die Nase hält, durchaus aber, bei allem Humor, nachdenklich die Lektüre beendet und die Frage offen im Raum verbleibt, ob dem modernen Menschen in Deutschland vor allem nichts anderes mehr einfällt, als in die verschiedenen Spiegel zu schauen, die Rückspiegelung tief zu bedenken und damit in sozialen Netzwerken Gruppen Gleichgesinnter zu bilden. Während die faktischen Probleme und damit auch die lohnenswerten Aufgaben der Zeit und des eigenen Lebens eher nur mehr als Störgeräusche harmonischer Ich-Suche oder Bewältigung von Erkrankungen (auch als Folge ausschließlicher Ich-Beschäftigung) empfunden werden.

 

 

Ein sehr interessante, den Finger auf Wunden der Zeit legende Lektüre. Ob aber eine solche „Kultur des Einfachen“, wie Voss sie auch in großen Zügen zu Gehör bringt, anderswo gehört werden wird? Denn auch die Politik ist zunehmend erkennbar primär mit der je eigenen Person vollauf beschäftigt.

 

M.Lehmann-Pape 2016