Metzler 2010
Metzler 2010

Christian Gudehus / Ariane Eichenberg / Harald Welzer – Gedächtnis und Erinnerung

 

Orientierung für die Gegenwart und Gestaltung der Zukunft

 

Das Gehirn ist der Träger unserer Erinnerungen und unseres Gedächtnisses, ebenso aber gibt es Orte der Vergegenwärtigung des Gewesenen auch außerhalb des individuellen Erlebens. Riten, Traditionen, Medien, mündliche Weitergabe von Geschichten oder wichtigen Informationen, manchmal über Generationen hinweg. Wir alle stehen nicht im luftleeren Raum, sondern kommen „irgendwoher“, sind geprägt nicht nur im engsten Sinne durch unsere Familie und unser Umfeld, sondern auch durch soziale Lebensformen, die über Jahrhunderte hinweg sich ausgebildet haben. Die eigene (Lebens-) Geschichte und die der eigenen Kultur stehen daher mit Recht seit Menschengedenken im Fokus des Interesses.

Seit etwa 30 Jahren bereits hat nun auch die Erinnerungs- und Gedächtnisforschung im wissenschaftlichen Sinne Konjunktur, dies gilt sowohl für den geisteswissenschaftlichen Bereich der Forschung wie auch für die  naturwissenschaftlichen Zweige.

 

Das vorliegende „interdisziplinäre Handbuch“ trägt diesem hohen Interesse am Akt des Erinnerns umfassend auf gut 360 Seiten Rechnung. Ausgehend von der Beobachtung des rapiden Interessenanstieges am Thema rekurrieren die Herausgeber zum einen auf die Veränderung der (modernen) Lebensform. Diese folgt gegenwärtig kaum mehr linearen Mustern, äußere Brüche kennzeichnen das moderne Leben, umso identitätsstiftender und notwendiger sind daher Erinnerungen im Zuge der „fortwährenden Vergewisserung der Vergangenheit“. Andere Motive spielen zudem mit hinein, von wesentlicher Bedeutung sind vor allem aber noch die Fortschritte der neurowissenschaftlichen Betrachtung des Gehirns und Gedächtnisses zu nennen. Alleine durch diese Betrachtung beschreiben lassen sich das Gedächtnis und das Erinnern allerdings nicht. Aus all diesen Gründen heraus liegt es nahe, sich dem Thema wissenschaftlich von allen relevanten Seiten her zu nähern.

 

Der Aufbau des Buches folgt aus diesen Grundlagen heraus einem nachvollziehbaren Schema, das sich logisch ergibt.

 

Zunächst werden die Grundlagen des Erinnerns beschrieben, dem interdisziplinären Ansatz treu bleibend aus neurofunktionaler Sicht ebenso wie aus psychologischer. Aus diesen allgemeinen Beschreibungen her wird das Thema dann im Rahmen des 1. Teiles individuell vertieft.

 

Im zweiten Hauptteil des Buches wird eine ausgesprochen gelungene und in jedem Teil gut umgesetzte Differenzierung der Begriffe „Gedächtnis und Erinnerung“ dargestellt. Vom individuellen Gedächtnis reicht hier der Bogen über das kulturelle Gedächtnis bis hin zum sozialen Gedächtnis. Das abschließende Kapitel über die politische Dimension des Gedächtnisses im Blick auf die kollektive Bedeutung und seine Tradierung im „öffentlichen Raum“ ist hervorragend geschrieben und zeigt grundlegend die Bedeutung des Themas für die Allgemeinheit und das gemeinsame sozial-politische Leben auf.

 

Der dritte Teil wendet sich auf gut 120 Seiten ausschöpfend den Erinnerungsmedien zu, Schrift, Rituale, Bauwerke bis hin zu Film, Fernsehen und  Internet finden alle Möglichkeiten der „Erinnerungsspeicherung“ ihren Platz. Die Kennzeichnung Wikipedias als „Erinnerungskanon“ wirft einen neuen Blick auf moderne Speicherungstechniken und dem dynamisch-organischem Wachsens des „Net 2.0“, der noch lange nicht ausdiskutiert ist.

 

Die interdisziplinäre Charakteristik des Themas wird im 4. Teil verdeutlicht mit einem Blick auf die relevanten Wissenschaftsbereiche von Geschichte über Literatur bis zur Gender- und Generationenforschung. Hier finden sich allerdings nur Vertiefungen im Blick auf geisteswissenschaftliche Gebiete. Sicherlich der Schwerpunkt der Forschung zum Thema, dennoch hätte hier ein Exkurs zur medizinischen Psychologie und zur Neurowissenschaft eine Erwähnung verdient gehabt. Wie überhaupt der naturwissenschaftliche Diskurs meiner Ansicht nach im gesamten ein wenig knapp gehalten ist.

 

Jeder der Artikel beschreibt erwartungsgemäß fundiert und komplex den aktuellen Erkenntnisstand des jeweiligen Unterthemas. Reichhaltige Literaturangaben als Anhang jedes Kapitels bieten ein breites Feld zur vertiefenden Weiterarbeit. Zudem eröffnet der Anhang auf gut 25 Seiten einen umfassenden Blick auf die weiterführende Literatur, ebenso wie er auf Institutionen, Zeitschriften und Projekte verweist.

Allein schon aufgrund dieser hervorragenden, vertiefenden und weiterführenden Angaben zum Thema ist das Buch für einen breiten Blick auf „Gedächtnis und Erinnern“ bestens geeignet.

 

Der hohe wissenschaftliche Anspruch wird in Tiefe und Breite durchaus erfüllt. Sprachlich komplex kostet das Einlesen hier und da Mühe. Eine Mühe, die sich allerdings im Blick auf die umfassende Bedeutung des Themas für das individuelle und soziale Leben lohnt.

 

M.Lehmann-Pape 2010