S.Fischer 2017
S.Fischer 2017

Christian Ott – Identität geht durch den Magen

 

Ob man ist, was man isst?

 

„Nicht mehr Kleidung, sondern „Food“ wird……..in Zukunft das Mittel der Selbstdarstellung und Individualisierung sein. Denn „Food-Trends“ zeigen Lebensgefühle und Sehnsüchte auf“.

 

Was nicht von der Hand zu weisen ist, auch in Teilen für die Gegenwart, in der zunächst die „Bio-Bewegung“ starken Einfluss gewonnen hat und durchaus, in Teilen, als Identitätsstiftend zu verstehen ist, ähnlich wie, als neuester, aber gar nicht mehr neuer, Trend das „vegane Leben“ nicht nur eine bestimmte Form der Ernährung darstellt, sondern eben auch Rückschlüsse auf das Selbstverständnis vegan lebender Menschen ermöglicht. Was sogar (nicht erfolgreich zunächst) den Weg in offizielle politische Verlautbarungen („Veggie-Day“) gefunden hat.

 

Durchaus also kann man der Grundthese des Buches zunächst folgen, dass die Ernährung, zumindest in den wohlhabenderen Gesellschaften dieser Erde, mehr ist als nur „Energieaufnahme“ und „Mittel gegen das Verhungern“, sondern, wie die Mode, wie der Besitz bestimmter Technik oder anderer Accessoires des Lebens, Ausdruck des Selbstverständnisses und der eigenen Identität geworden ist.

 

„Essen wird zur Religion. Halal, koscher und vegan sind die Adjektive eines neuen, globalen Trends“.

 

Auch wenn das (noch) übertrieben wirkt, die Spuren dieses Trends sind dennoch öffentlich breit auszumachen und scheinen an Geschwindigkeit und Verbreitung deutlich zuzunehmen.

 

Essen ist damit immer auch Ausdruck einer kulturellen Prägung und Identität, zu allen Zeiten, Was zur Ausformung von „Mythen“ geführt hat, welche Ott wiederum in diesem Werk einer näheren Betrachtung zuführt.

 

Was genau sind die „unausgesprochenen Diskurse und Ideologien“, die bestimmten Lebensmitteln bestimmte Bedeutungen zuschreiben? Und welche kulturellen Ideologien stehen dahinter?

 

In Form eines durchaus in Teilen auch abstrakten wissenschaftlichen Diskurses (die Lektüre erfordert durchaus Konzentration und ist nicht leger „populärwissenschaftlich“ verfasst) wendet sich Ott zunächst der Veränderung des „Körperbildes“ zu mit den Metaphern eines „offenen“ und „geschlossenen“ Körpers als Veränderung eines Ideals, mit dem einher auch eine gewisse „Scham vor dem Essen“ geht.

 

Wieweit die (psychoanalytisch im Buch betrachtete) Bindung zur Mutter, aber auch je Gegenwartsliteratur der „Ernährerin“ die Ess-Identität ausbilden ist Inhalt des 3. Kapitels, das (im wahrsten Sinne des Wortes) fließend zur Rolle der Milch im kulturellen Blick, bis dann hin zu konkreten, nationalen „Esskulturen“, die eine ganze Kulturidentität in Frankreich, Italien und anderen Ländern in sich tragen (samt „Fremdheits- und Migrationserfahrungen“, die konkret durch Lebensmittel und deren Verwendung und Zubereitung sich fassbar konkretisieren).

 

Bis hin zu „Gender-Klischees“ (Reihenfolge beim Essen und „männliche“ und „weibliche“ Lebensmittel) und dem Zusammenhang mit der religiösen Ausprägung der Kultur mit Tabus und „Erlaubnissen“ bietet Ott einen differenzierten und umfassenden Blick auf jene persönliche und kulturelle Identität, die sich im Essen deutlicher Ausdruck verschafft, als man meint (nicht umsonst wurden die Deutschen lange Zeiten hindurch „Krauts“ von anderen Kulturen genannt und damit auf eine Lebensmittel reduziert und festgelegt).

 

 

Eine nicht einfache Lektüre, die aber, fundiert und differenziert, einen interessanten, andersartigen und durchaus entlarvenden Blick auf die kulturellen Prägungen wirft, die sich im konkreten „Ess-Verhalten“ klarer zeigen, als allgemein bekannt und bewusst ist.

 

M.Lehmann-Pape 2017