Heyne 2011
Heyne 2011

Christian Saehrendt, Stehen T. Kittl – Alles Buff

 

Mehr Schein als Sein macht Schule

 

Das ist die These der Autoren, wenn sie jene, die klassisch als „Blender“ bezeichnet werden, in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit rücken. Ausgehend von teils auch prominenten Fällen von Hochstaplern, die als Heiratsschwindler, mit angemaßten Doktor- und Professorentiteln, als Chefärzte ohne Ausbildung oder als Finanzgurus ohne Geschick fürs Geld durchaus erfolgreich andere an der Nase herum führen und dies rein zu ihrem persönlichen Vorteil.

 

Dass sich „ehrliche Menschen hoch arbeiten und Blender immer schon da sind“, in Zeiten des Plagiats und der wieder einkassierten Doktortitel auch hochrangiger Persönlichkeiten bekommt das Thema eine hohe Aktualität. Und im Umkehrschluss, dass dies alles nur die Spitze des Eisbergs ist, verweisen die Autoren durchaus zu recht und durchaus im Buch begründet nach, dass das „Blenden“ auch in alltäglichen Bezügen massiv um sich greift. Dass so gut wie jeder in der Gefahr steht, durch das ständige getrieben sein zum „Klappern der eigenen Vorzüge sich selbst zu inszenieren“ und es häufig dann mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt, dass ist die Quintessenz des Buches.

 

In vier großen Lebensbereichen legen die Autoren ihre Gedanken und Schlüsse dar. Die Liebe oder wie man ganz große Gefühle simuliert, um ans Ziel zu kommen. Das echte Verliebtsein lieber vermeidend, denn das würde ja bedeuten, sich wirklich auszuliefern. Die Arbeitswelt mit ihren Bluffs und Bluffern, in dem das „Blenden“ gar als „Schlüsselqualifikation“ im Raume steht. Die wahren Künstler des Krankfeierns und des Opfer Daseins, die von Mitleid bis zu handfester finanzieller Unterstützung so einiges an Vorzügen durch ihre Schauspielkunst erhalten. Im letzten Teil arbeiten sich die Autoren durch die „Egoakrobatik“ hindurch. Visionäre und Titeljäger in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, deren vermeintliches „Charisma“ samt „Visionen“ einzig und allein auf Illusionen beruhen.

 

Perfekte „Blender“ übrigens, auch das findet man im  Buch und kann es trotz allen Kopfschüttelns nur als Tatsache hinnehmen sind jene, die zu guter Letzt völlig selbst von ihren Märchen überzeugt sind. Die tatsächlich sich Kopfschmerzen erzeugen, um beruhigt krankfeiern zu können.

 

Warum das so ist, wohin das führt, aus welchen Gründen heraus solches entsteht und  wie die Mechanismen des Bluffs und der Blendung funktionieren, auch in fast jedem der Leser des Buches, dass ist interessant und, zudem, unterhaltsam im Buch nachzulesen. Desto besser übrigens funktionieren die Bluffs, desto weniger die Gruppe oder Gesellschaft innerlich zusammenfindet. Die losen Fäden der Gemeinschaft sind es, die im Bluff hervorragend ausgenutzt werden können, da kaum jemand über den anderen, den Nachbarn, den Kollegen, noch genügend fundiertes Wissen besitzt, um einen Bluff frühzeitig enttarnen zu können. Eine Mischung aus Distanz, Desinteresse und umgreifender Egozentrik begünstig das „Blenden“ ungemein. Im ganz Kleinen, wie sogar auf Staatsebene, auch hierzu finden sich Beispiele im Buch, ebenso, wie Guttenberg seinen Platz unter manchen „Blendern“ findet. Auch eine Analyse er modernen Gesellschaft schwingt so hintergründig mit im Buch.

 

Unterhaltsam und fundiert zeigen die Autoren auf, wie sehr der „Bluff“ und die „Blendung“ in die Gesellschaft bereits Einzug gehalten haben, wie sehr gar jene unredlichen „Selbstvermarktungsmittel“ als Voraussetzungen für Karrieren gefordert und gefördert werden. Interessant zu lesen und durchaus mit einem eigenen Wiedererkennungswert versehen.

 

M.Lehmann-Pape 2011

Christian Saehrendt

 

ist Historiker und Kunsthistoriker. Er lebt am Thuner See in der Schweiz.

 

Steen T. Kittl

 

studierte Bildende Kunst in Kiel, sowie Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte in Berlin.

 

Gemeinsam verfassten die beiden bereits vier Bücher, darunter den Sachbuchbestseller "Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst".

 

(Quelle: Heyne Verlag)