Pattloch 2013
Pattloch 2013

Christian Schüle – Wie wir sterben lernen

 

Sensible Betrachtung eines „Kulturguts“

 

Von Dürrematt stammt der Hinweis: „Die Beschäftigung mit dem Tod ist die Wurzel der Kultur“. Und genau diese Beschäftigung mit dem Tod nimmt in den letzten Jahren gesellschaftlich spürbar zu. Wie immer, wenn Pendel zu sehr in eine Richtung schwingen, wird eine Gegenbewegung nicht lange auf sich warten lassen.

 

Die Verdrängung des Todes als dem Alltag, quasi aus dem „natürlichen Leben“ des Menschen gerade in den westlich geprägten Gesellschaften, Das Verschieben des Todes an den „Rand des Lebens“, in die „Unsichtbarkeit“ der Krankenhäuser und die immer weniger stattfindende ausdauernde und auch feierliche Beschäftigung mit dem Tod eines Menschen ist dieses weit in eine (falsche) Richtung geschwungenes Pendel.

 

Eine Entwicklung, die Schüle in seinem klugen Essay genauso nachvollzieht und sachlich dem Leser vor Augen führt, wie er dem „Kulturgut Tod“ ebenso intensiv grundlegend nachgeht. Und dabei aufzeigt, wie sich der Tod wieder „in das Leben“ mit integriert. Moderne Bestattungsformen, kreative Gestaltungen, Hospize für ein begleitetes, menschenwürdiges Sterben spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle, wie der Wunsch, aber auch die dafür notwendigen medizinischen Möglichkeiten und die Möglichkeiten des Umfeldes, „selbstbestimmt“ sein Sterben einstückweit zumindest zu gestalten.

 

Und das ist, folgt man Schüle ins einer überzeugenden Darlegung, auch gut so. Denn wie zu allen Zeiten gilt: „Die Tragik des Menschen besteht darin, dass der Kampf gegen den Tod schon bei der Geburt verloren ist“. Ein Satz, ein Fakt, der dem Verstand zwar jederzeit zugänglich ist, der emotionalen Akzeptanz aber weithin verloren gegangen ist. Jene Verschiebung des Todes an den Rand des Lebens, weg aus dem alltäglichen Blick, hat, so weist es Schüle auf, eben auch viel mit der Haltung des „modernen Menschen“ zu tun, das Ganze doch lieber „im Leben“ nicht wahrhaben, spüren, ständig vor Augen haben zu wollen.

 

„Das Glück des Menschen besteht darin, dass er den Tod überlisten kann ...... (der Mensch) organisiert die Verzögerung seines Endes“. Und ist damit so beschäftigt, dass er das Unausweichliche aus dem Blick verliert. Bewusst.

 

Was also tut Not? Schüle formuliert das klar. „Einfach so“ kann der Mensch sein Ende geistig nicht bewältigen. Also bedarf es einer Reflektion und inneren Entwicklung, einer Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen, feststehenden Tod. Was nicht einfach so im Raume steht, sondern eine der existenziellen Fragen des menschlichen Lebens ist. Ein gelingendes Leben, ein innerer Friede, eine Chance, mit sich und seiner begrenzten Existenz auch im Leben bereits ins Reine zu kommen, das geht nur, wenn der Tod als bestimmender Teil des Lebens schon für das Leben seine integrative Bedeutung erhalten kann.

 

„Wenn Du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein“ (Sigmund Freud).

 

Mit ernst, sensibel und dennoch sachlich und nüchtern in Teilen schreitet Schüle die Breite des Todes ab. Plädiert für ein weitgehend selbstbestimmtes Sterben, hinterfragt vielfach moralische Normen und weist präzise auf Verdrängungen hin, ebenso, wie er die „Beschädigung der Kultur des Todes“ durch die Ökonomie nicht auslässt.

 

Auch wenn der starke Schwerpunkt auf der Selbstbestimmung hier und da überhand nimmt, ein sehr empfehlenswertes, unaufgeregtes Buch zu dem existenziellen Thema menschlichen Seins, dass hochgradig zur eigenen Reflektion auffordert und anleitet.

 

M.Lehmann-Pape 2013