wbv 2012
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Christian Schmidt – Krisensymptom Überganssystem

 

Dissertation über die Zeit nach Schule und vor Ausbildung

 

„Übergangssystem“ nennt man jene Zeit nach Abschluss der Schulausbildung und vor Beginn einer weiterführenden Ausbildung oder eines Studiums. Eine Zeit, die sich in manchen Biographien durchaus eine Weile ziehen kann. Gerade in den Fällen, in denen nicht eine „freiwillige“ Pause stattfindet, sondern trotz angestrengter Suche eine Lehrstelle, ein Ausbildungsplatz nicht gefunden wird, bietet das „Übergangssystem“ Maßnahmen und Schulungen an, die den Weg in eine reguläre Ausbildung erleichtern und ebnen sollen.

 

Soweit die Theorie, die Christan Schmidt zum Ausgangspunkt seiner kritischen  Untersuchung setzt. Eine kritische Haltung, die bereits der Untertitel der Dissertation zum Ausdruck bringt, wenn Schmidt dort von einer „nachlassenden sozialen Inklusionsfähigkeit“ spricht. Ist das „Übergangssystem“ ein echtes pädagogisches System und damit eine Hilfe oder nur ein „Krisensymptom der dualen Ausbildung“? Schmidt wird zeigen, und das durchaus gründlich und fundiert, dass Anspruch und Wirklichkeit des „Übergangssystems“ auseinanderlegen und stellt somit in der Summe seiner Dissertation durchaus die Sinnfrage dieser Einrichtung „zwischen Allgemeinbildung und beruflicher Bildung“.

Eine Einrichtung mit irriger Namensgebung alleine schon, denn Schmidt weist ohne große Mühe schon zu Beginn seiner Dissertation nach, dass hier eben „kein System vorliegt, das Übergänge schafft“. Allein schon aufgrund des hoch divergierenden „Bündels“ an historisch Gewachsenem und an politischer Steuerung. Eine „gebündelte Maßnahme“, die tatsächlich als System hilfreich wäre, sähe anders aus.

 

Dies alles betrachtet Schmidt auch auf der Basis immer stärker werdender Selektierung in Bezug auf die Ausbildungsberufe. Die ehemalige Stärke des dualen Systems, ein breites Spektrum an Ausbildungsberufen anzubieten und damit unterschiedlichen Bildungsniveaus gerecht zu werden verliert im Zuge jener Selektierung immer stärker an Bedeutung. Das Anwachsen des „Übergangssystem“ mit all seinen strukturellen Schwächen ist somit ein Symptom einer tiefgreifenden Krise des dualen Ausbildungssystems. Als solches ist es dementsprechend „umzudeuten“ und ernst zu nehmen in seinen Implikationen für das deutsche Ausbildungssystem.

 

Ein Weg, den Christian Schmidt detailliert und fundiert vorlegt, wie es von einer Dissertation auch nicht anders zu erwarten gewesen wäre. Wobei die „Kernfrage“ direkt im ersten Teil der Arbeit dargestellt wird. Hier weist Schmidt durchaus schlüssig nach, dass das „Übergangssystem“ eben „nicht in großem Maßstab Übergänge in Ausbildung und ein Normalarbeitsverhältnis“ zu leisten vermag. Die Genese des Systems wird im zweiten Teil der Arbeit dargestellt, seine Funktion als „Abgangsselektion“ und die Übergänge „hinein“ und „hinaus“ in dieses System folgen in den weiteren Kapiteln. Mit einem ausführlichen Blick auf „Benachteiligtengruppen“ im System schließt der rein darstellende und die statistischen Fakten auswertende Teil, während im Folgenden ebenfalls fundiert dargestellt sich Möglichkeiten der Veränderung und Alternativen im Buch wiederfinden. Alternativen, die mit den Stichworten „vollzeitschulische Ausbildung“ und „Modularisierung“ ebenso verbunden werden wie eine Professionalisierung des pädagogischen Personals über das gegenwärtige Maß hinaus auch eine der Folgerungen aus Schmidts Darstellung wäre.

 

Christian Schmidt nimmt sich ein wichtiges Thema des Arbeitsmarktes und der Qualifizierung vor, welches gerade in einer Zeit, in der ja offen händeringend nach „Fachkräften“ und „Nachwuchs“ gerufen wird in seinen Analysen von hoher Bedeutung sein kann. Sicherlich in Form und Stil auf den Bereich von Wissenschaft und Forschung konzipiert, ist das Buch nicht als einfache Lektüre zu empfehlen. Es beinhaltet allerdings eine Reihe fundierter Anstöße zur Veränderung des „Übergangssystems“ und einer Veränderung des dualen Ausbildungssystems an sich, um einerseits eine bestmögliche Hinführung zur Ausbildung zu gewährleisten und andererseits eine „Selektion“ ganzer Gruppen von Jugendlichen entgegen zu wirken, die im bisherigen System eine Ausbildungsreife kaum oder nur schwer erlangen.

 

M.Lehmann-Pape 2012