Brendle 2010
Brendle 2010

 

 

 

War es das Cover, das mich neugierig machte, oder eher die Zeile „Ein Verlag
macht Schule – Schüler machen ein Buch“? Ich weiß es nicht. Vielleicht war
es auch die Mischung aus beidem. Manchmal genügen Kleinigkeiten, um meine
Neugier zu wecken. Bei Unsere Welt 2050 wurde sie geweckt und das, obwohl
das matt glänzend gehaltene Cover in dunkelblau mit der gewählten
(überwiegend) grünen Schrift etwas trocken und fachbuchartig wirkt. Das
Motiv vorne zeigt eine Weltkugel, deren Ozeane und Länder mit Worten
ausgefüllt ist, die bereits einen ersten kleinen Einblick auf das bieten,
was im Buch kommt.

Zusammen mit der Verlegerin Christine Brendle haben der Lehrer Bertram Weber
und vierzehn Schülerinnen und Schüler der Walther-Groz-Schule in Ebingen die
Idee zu diesem Buchprojekt verwirklicht. Was 2010 begann, liegt nun vor und
kann im Buchhandel bezogen werden. Bücher sind nicht nur etwas Kostbares und
Wundervolles, sie verlangen auch einiges an Herzblut und innerer
Überzeugung, wenn sie je fertig werden sollen. Die Schüler und Schülerinnen
haben beides bewiesen. Sie haben das Projekt mit geplant, aktiv daran
gearbeitet und alles umgesetzt. Sie dürften heute neben einer entsprechend
erhaltenen positiven Bewertung für ihr Abitur ein Buch auch mit anderen
Augen als noch vor ein paar Monaten betrachten. Es finden sich kleinere
Anfängerfehler (eine Geschichte wird etwa wiederholt, was vermutlich kein
Stilmittel des Autors ist) darin, doch angesichts der Tatsache, dass
vorwiegend Laien beteiligt waren, ist die Umsetzung gut gelungen; vor allem,
wenn man den Zeitrahmen betrachtet, in dem das Projekt verwirklicht wurde.

Aber zum Inhalt. Mit seinen 175 Seiten im A5-Format hält man ein Buch, dass
schnell gelesen sein müsste, zumal die Kapitel nur wenige Seiten, einmal gar
nur zwei Absätze umfassen. Doch die gewählte Thematik macht es zu einem
Buch, das man zwischendurch immer wieder weglegt, um nachzudenken.

Schülerinnen und Schüler haben nicht nur zur Veröffentlichung der
achtundzwanzig darin enthaltenen Geschichten und eines Gedichtes beigetragen
– ein Teil wurde auch von Schülern geschrieben. Neben ihnen kommen auch
andere, bekannte oder weniger bekannte Autoren zu Wort. Dazu gehören, außer
Politikern und einer Bankerin, beispielsweise auch eine Hotelfachfrau oder
ein Pfarrer a. D, Neulinge wie solche, die schon Veröffentlichungen
vorweisen können.

Doch ob nun Frischling oder Profi, ob nun sechzehn oder sechsundachtzig –
alle Autoren beschäftigt ein Thema: Unsere Welt 2050. Nicht einmal mehr
ganze neununddreißig Jahre trennen uns momentan noch davon. Und in
Anbetracht der Tatsache, wie rasant sich die Welt innerhalb der letzten 40
Jahre verändert hat, stellt sich berechtigterweise die Frage, wie die Welt
2050 gestaltet sein wird. Bunt oder farblos, trostlos oder hoffnungsvoll,
brutal oder friedlich?

Die Art und Weise wie etwa der 1991 geborene Keith Petri darüber denkt,
dürfte dem einen oder anderen älteren Leser kleinere Schluckbeschwerden
verursachen. Seine Vision sieht düster und dystopisch aus; ist eine kleine
Ohrfeige für die ignorante Gesellschaft im Hier und Jetzt; artikuliert eher
eine Zukunftsangst, als eine Vision. Es gibt Science-Fiction, weitere
Dystopien und fantastische Geschichten, wie die von Kristina Kesselring, in
der die Menschen der Zukunft ihre Natur anderen Wesen angleichen können. Es
gibt trotz der bedenklichen Vision eher Ironisch-Heiteres, wie das Gespräch
zwischen einer Großmutter und ihrer Enkelin von Simone Föhl. Dagegen wirkt
die Geschichte der 17jährigen Jasmin Loose, die ihre Protagonistin gegen die
Unsterblichkeit kämpfen lässt, durchweg kritisch. Und Kimmelmann macht mit
Leuten, die nichts können, kurzen Prozess. Er zeigt mit dem ausgestreckten
Zeigefinger im Ausklang seiner Agenda 2050 trotz der deutlich gemachten
Gefahr auf die mangelnde Fähigkeit zur Veränderung – stellvertretend für all
das, was man tagtäglich ändern könnte.

Das sind nur ein paar der Beiträge der Anthologie. Alle daraus auch nur kurz
anzuschneiden, würde den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen. Alle zu
lesen, empfiehlt sich jedoch eindeutig. Die Geschichten zeigen, dass die
Autoren sich ihrer Aufgabe mit Ideenreichtum gestellt und sie teilweise
komplex umgesetzt haben. Einige Ideen bieten Raum für einen Roman. Manche
Beiträge sind eher philosophisch, manche wirken hoffnungsvoll geträumt,
andere kritisch und bestürzend. Es geht um das Leben nach einem
Nuklearkrieg, um Reisen in die Zukunft; um Unsterblichkeit,
Ressourcenverschwendung und Ressourcenknappheit; um Mangel und Überfluss; um
perfekte Menschen und solche, wie die Natur sie geschaffen hat; um
Überlebenstaktiken und Exodus; um Bildung, Freizeitgestaltung, Ängste und
Nöte, kleine Freuden und Liebe. Mal blickt der Leser zurück in die
Gegenwart, mal wirft er einen Blick in die Zukunft. Mal wirkt diese Zukunft
real, mal wie ein schwer realisierbarer aber erstreben swerter Wunsch, mal
fiktiv. Die damit hervorgerufenen Emotionen sind genauso vielfältig, wie die
Ansätze, die die Autoren verfolgen. Die aktuellen Bezüge zu einigen
Beiträgen genauso erschreckend wie der stete Hinweis auf durchaus bekanntes,
doch gern verleugnetes oder ignoriertes Wissen, weil bis jetzt immer alles
doch irgendwie funktioniert hat.

Damit ist den Autoren zusammen mit den an der Verwirklichung des Projekts
arbeitenden Schülerinnen und Schülern, ihrem Projektleiter und der
Herausgeberin eine Mischung gelungen, die einerseits tatsächlich
überraschend kurzweilig unterhält, andererseits zum Nachdenken anregt. Es
ist eines der Bücher gelungen, die man durchaus schnell lesen kann, das aber
mit Sicherheit wert ist, öfter in die Hand genommen und auch weitergereicht
zu werden. Eines der Bücher, die man nicht einfach schnell wieder vergisst.
Was vielleicht am meisten betroffen macht, sind die Geschichten der jüngsten
Autoren. Der Umstand, wie viel Hoffnung die Welt im Heute ihnen offenkundig
schon genommen zu haben scheint. Eine Welt, mit der die Menschheit nicht nur
heute viel zu sorglos umgeht.

Tatsache ist, dass unser Verhalten sich ändern muss und Unsere Welt 2050
zeigt sehr deutlich warum. Nicht nur, um die darin angedeuteten
Horrorszenarien noch irgendwie abzuwenden, sondern um Hoffnung in unseren
Kindern zu erhalten, zu schüren oder gar wiederzuerwecken. Veränderung kann
und muss im Kleinen beginnen. Vielleicht mit einer Geschichte aus diesem
Buch.

Fazit

Ein schwieriges Thema sehr gut umgesetzt. Geschichten/Gedichte, die den
Leser in eigenen Gedankengängen bestätigen und unterstützen, Widerworte
hervorrufen und – das ist das Wichtigste – nachdenklich stimmen. Die
gelungene Verwirklichung dieser Idee lässt auf weitere Projekte dieser Art
hoffen. Für Unsere Welt 2050 möchte ich trotz der kleinen Anfängerfehler,
die volle Punktzahl vergeben, da diese hier nicht ins Gewicht fallen (und
selbst bei Vollprofis vorkommen können).

Copyright © 2011 by Antje Jürgens (AJ)