HEP 2013
HEP 2013

Christoph Schmidt – Bildung auf Augenhöhe

 

Bildung statt Bulimie

 

„Gymnasiale Bildung muss darauf abzielen, dass die Schülerinnen und Schüler jene Kompetenzen entwickeln, durch die sie sich Themenwelten und andere Kulturgüter selbst erschließen können“.

 

Ein Satz humanistischer Prägung, der in dieser Form sicherlich inhaltlich weit Zustimmung erfahren würde. Ein inhaltliche zustimmungsfähiger Satz, der aber nicht die reale Form des aktuellen Unterrichtens widerspiegelt, im Gegenteil.

 

„Bulimiepädagogik“ ist das Wort der Stunde. Auswendiglernen von Stoff, um diesen dann „auf den Punkt“ kurz wiedergeben („herauswürgen“) zu können für eine möglichst gute Note. Um dann eben jenen Stoff schnell wieder dem Vergessen anheim zu geben.

 

Direkt-mechanistische Formen der Wissensvermittlung sind es, die den Unterrichtsalltag an den Gymnasien des Landes viele eher bestimmen als die Frage nach dem eigenständigem Lernen und der Entwicklung eigener Persönlichkeit der Schüler und Schülerinnen in der Bearbeitung, auch der Reibung, am stofflichen Inhalt des Unterrichtes.

 

Der das so benennt ist nun kein Laie, kein Journalist, kein Philosoph als Vater einer Tochter, keiner, der die ganze Sache von außen nur betrachtet und bewertet.

 

Christoph Schmidt ist Gymnasiallehrer. Mit einem anderen Ansatz. Ein „systemisch-konstruktivistischer“, projektorientierter Lehransatz ist jene Methode, die er nicht nur seinem eigenen Unterricht zugrunde legt, sondern in dem er eine allgemeine Möglichkeit für einen qualitativ hochwertigen Unterricht an Gymnasien vertritt im Sinne eines sich entfaltenden Lernens statt eines herein- und hinaus Würgens von Stoff.

 

Sowohl die nüchterne, keineswegs polemische und auch nicht nur abwertende Analyse des Status Quo im Buch, wie auch die sorgfältige und nachvollziehbare Darstellung des eigenen Lehr- und Lernmodells lohnen hierbei das Lesen sehr. Gerade weil man den Inhalten abspürt, dass sie in der Praxis erprobt und in vielfachen Gesprächen reflektiert wurden. 

 

Es ist möglich, eine „Kultur der Aufmerksamkeit“ herzustellen, die dem Lernenden ermöglicht, „sich selber zu bilden“, das behauptet Schmidt nicht nur, das kann er aus Erfahrung weitergeben und strukturiert und systematisch in Theorie und Praxis dem Leser nahe bringen.

 

Ein Buch, dem man wünscht, dass es in den vielen aktuellen Diskursen zur Zukunft der Bildung in Deutschland Gehör findet. Vor allem, weil es gar nicht einmal eine „Revolution“ bräuchte, sondern nur ein erfahrungsoffenes Umsteuern im Schulalltag. Weg von dem Eintrichtern von „Fakten“ und (wieder) hin zum Erlernen eigenständiger Bewertungen und Auseinandersetzungen mit den entsprechenden Lerninhalten.

 

Dafür aber, und auch da gibt man Schmidt Recht, müssten doch so langsam einmal all die Erkenntnisse und das in den letzten Jahrzehnten erweiterte Wissen um das Wesen menschlichen Lernens aufgenommen und die tradierten Formen des „immer schon so Unterrichtens“ reflektiert und verändert werden.

 

M.Lehmann-Pape 2013