btb 2017
btb 2017

Colin Ellard – Psychogeografie

 

Wie das „Außen“ auf das „Innen“ wirkt

 

In der Regel, im Alltag, wenn man nicht sonderlich nachdenkt, glaubt der Mensch wohl weitgehend, dass er selbst Herr seiner Entscheidungen ist.

 

Was natürlich nicht unbedingt falsch ist, aber in absolutem Maße nicht der Fakten entspricht. Letztendlich ist das „Reiz-Reaktions-System“ jene (je mit Inhalt zu füllende) Größe, die nicht nur kleinere Entscheidungen im Alltag als Zusammenspiel verschiedener Faktoren klarstellen, sondern auch größere und große Entscheidungen hängen vielfach von den Entsprechenden Reizen und den (meist automatischen) Reaktionen, Reflexen darauf ab.

 

Das beginnt schon mit der unbewussten Nutzung des jeweiligen „Raumes“. Im Restaurant, Café lieber die Wand im Rücken und freien Blick auf das, was geschieht? Keine Frage. Aber eben nicht, weil der Stuhl so bequem erscheint oder zufällig man gerne mal in den Raum schauen möchte, sondern aus alten, evolutionären Reflexen heraus, mögliche Gefahren keinesfalls „im Rücken“ zu haben, sondern zeitig „in den Blick nehmen zu können“.

 

Und das ist nur die Spitze eines umfassenden Eisbergs an Verhaltensweisen, die durch den umgebenden Raum und seine Gegebenheiten abgerufen werden. Miteinander sich ergänzende Systeme, die Ellard durchweg bestens sprachlich verständlich darzulegen versteht.

 

„Ich bin Architektur- und Design Fan. Ich bin fasziniert von den vielfältigen Wirkungen, die die Bauart eines Gebäudes oder die Anlage einer Straße auf meine Gefühle und Gedanken auswirken können“.

 

Womit von Beginn an schon klar ist, dass ein unbewusstes Wohlgefühl oder Missbehagen nicht zufällig eintreten, dass Ästhetik nicht überflüssiger „Luxus“ ist, sondern neben der reinen Funktion von Dingen ein mitentscheidendes Merkmal für das Gefühlserleben des Nutzers von Raum oder Dingen darstellt.

 

Und noch etwas folgert daraus, vielleicht sogar das eigentlich Wichtige an dem, was Ellard so beredt mit vielfachen Beispielen vor Augen führt.

 

„Ich bin überzeugt, wenn wir, im Großen wie im Kleinen, bessere Orte errichten wollen, müssen wir mit den Beobachtungen der komplexen Beziehungen zwischen unseren eigenen Erfahrungen und den Orten beginnen, an denen wir sie machen“.

 

Wie im Petersdom, der selbst so manchen Atheisten durch seine räumliche Wirkung „auf die Knie zwang“ und der „ausdrücklich“ genau auf diese Wirkung hin geplant und ausgerichtet wurde. Einer der Orte, „künstlich geschaffen“, der wie andere „natürlich gewachsene“ Orte wie z.b. der Grand Canyon messbaren Einfluss darauf haben, wie Menschen sich fühlen, wie sie andere behandeln und wie man das Vergehen der Zeit im Anblick solcher Räume anders als gewohnt wahrnimmt.

 

Ein Grundsatz, der vielfach bereits bewusst genutzt ist. Denn dass Einkaufszentren zumindest versuchen, einen „hypnotischen Sog“ zu erzeugen, der Kauflust generiert, gehört ebenso in diese bewusst gestaltete Architektur, wie auch Gerichtsgebäude, wieder auf andere Art, einen bestimmten Eindruck (eine Haltung des Respektes) durch ihre Bauweise erzeugen wollen.

 

So entstehen Orte der Zuneigung, der Lust, der Langeweile, der Anregung, der Angst, der Ehrfurcht und, in der aktuellen Welt, auch „Welten in der Maschine“ und „Maschinen in der Welt“ (smartes Wohnen), die ebenso räumlich und dinglich bestimmte Wirkungen entfalten wollen, wie alle gestalteten „Räume“ seit jeher Emotionen hervorrufen sollten.

 

Das alles liest sich zunächst sehr anregend und informativ und bietet vielfachen Aufschluss auch für das eigene Empfinden.

 

Was allerdings ein stückweit fehlt ist eine kritische Betrachtung der starken Eingriffe, zumindest deren Versuch, die Emotionen des „Betrachters“, der in vielen Fällen inzwischen nurmehr „Kunde“ ist, gezielt zu wecken, zu verwirren, neu auszurichten.

 

Eine solch „schöne neue smarte Welt“ bedarf auch grundlegenden kritischen Betrachtung (die Ellard eher in Ansätzen als „Warnungen“ bietet), und nicht nur spürbarer Begeisterung (die man im Gesamten eher aus dem Buch im Bllick auf die neuen, technischen Möglichkeiten herauslesen kann) für das „immer mehr Mögliche“. Denn was „bessere Orte“, die Ellard zu Beginn thematisiert, in der Qualität genau sind, wie man sich vor „nur vermeintlich“ besseren Orten schützen kann, all das bleibt eher Stückwerk im Buch und lässt mit einigen Fragen zurück.


Was nichts daran ändert, dass es interessant zu lesen ist, in welche hohem Maße doch „das Außen“ des Raums das „Innen“ der Emotionen beeinflusst.

 

 

 M.Lehmann-Pape 2017