Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Daniel-Pascal Zorn – Logik für Demokraten

 

Kompetenztraining für politische Diskurse

 

Demokratische Prozesse beruhen im (gedachten) Kern auf vor allem zunächst einen „Austausch“. Meinungen, Argumente, Haltungen, Werte werden gemeinsam mitgeteilt, der Status Quo dadurch erhoben und, im weiteren Verlauf, wird gemeinsam eine „mehrheitsfähige“ Lösung versucht, zu erreichen, die auch die Belange von „Minderheiten“ nicht aus dem Blick verliert.

 

Konsens und Kompromiss sind dabei jene „Instrumente“, die zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung führen sollen, an deren Ende eine demokratisch getragene Entscheidung steht (die manches Mal andere Meinungen „überstimmt“, die, im besten Falle, auch von der Lösung gegenüber skeptischen Kräften mitgetragen wird).

 

Was passiert nun aber, wenn eben jener Austausch, die Diskussion um Argumente, der Versuch eine Lösung gemeinsam zu finden von vorneherein unterlaufen wird? Wenn, und das ist in der letzten Zeit nicht selten der Fall, Meinungsaustausch nicht mehr als Diskussion mit dem Ziel zu überzeugen stattfindet, sondern eher wie in einem „Schaufenster“ die eigenen Positionen nur mitgeteilt werden, die Einwände anderer überhört oder lächerlich gemacht werden, somit also das grundlegende Instrument der demokratischen Politik, der Diskurs und die Bildung einer Mehrheit, gar nicht mehr zum Tragen kommt?

 

Damit letztendlich beschäftigt sich Zorn als Philosoph in dieser als „Handreichung“ zu bezeichnenden Schrift.

 

„Die deutsche Diskussionskultur ist in der Krise. Sie wird immer mehr von Redeweisen bestimmt, die jede vernünftige (und damit demokratische und gesprächseröffnende) Zurückhaltung vermissen lassen“.

 

Nur mehr die eigene Haltung, die eigenen Dogmen werden wie abgefeuerte Waffen in den Raum geworden, andersartige Meinungen nicht gelten gelassen und, oft genug, als „Fake“ verunglimpft. Wobei eine Atmosphäre entsteht, die an getrennte Welten oder solitäre Inselüberzeugungen erinnert und wenig Zeichen dabei darauf hindeuten, dass man gemeinsam darum ringt, für die gemeinsam bewohnte reale oder politische Welt gemeinsame Haltungen zu entfalten. „Dogma vor Realität“ und, vor allem, „Dogma vor Demokratie“, so kann man das bezeichnen.

 

Dem nun setzt Zorn unter anderem das „Prinzip der ausgeschlossenen dogmatischen Setzung“ im Blick auf demokratische Auseinandersetzung gegenüber und führt den Leser, Schritt für Schritt, in eine „Redehaltung“ und damit zur Kenntnis einer „inneren Haltung“, die intensiv durchdacht jene Grundsätze vor Augen führt, die für einen konstruktiven Entscheidungsfindungsprozess unabdingbar notwendig sind.

 

Und mehr noch, Zorn analysiert auch die „Gegenseite“, die dogmatisch-populistische Haltung und ihre Methoden und Instrumente samt einer Handreichung für den Leser, dieser im Diskurs begegnen zu können.

 

Was schon damit beginnt, dass Zorn überzeugend den „Populismus“ definiert und eben nicht als „Weltanschauung“ kennzeichnet, sondern als eine „Form des Argumentierens“. Die Zorn in ihren primären und sekundären methodischen Strukturen offen legt und damit den Weg eröffnet, für eine Form des „Gegenargumentierens“ die sich der „Sache“ zuwendet und sich nicht an persönlichen Emotionen, Sympathien, Behauptungen oder Animositäten erschöpft.

 

„Populismus wird hier nicht als Eigenschaft….beschrieben, sondern als Art und Weise, in einer Rede für das Gesagte Geltung zu beanspruchen“. Die primär an „dogmatischer Setzung“ von Inhalten erkannt werden kann (mit der Folge der „Ablehnung jeder Möglichkeit, es anderes zu sehen als man selbst“).

 

Was eben auf Dauer nicht funktionieren kann als „Regierungsform“, weil die inneren Widersprüche einer formalen „Gleichschaltung“ diese auf Dauer sprengen würde.

 

Wie Widersprüche von vorneherein als „Angriff“ gewertet werden. Wie schon in den Formulierungen die Anklage an mögliche andere Meinungen liegt, wie mit Plattitüden „Heldenhaftigkeit“ und „Mut der Person“ von Beginn an gesetzt werden, um damit den Inhalt ebenso von Beginn an außer Reichweite von sachlichen Angriffen zu halten, das liest sich im Buch zwar nicht einfach, aber letztendlich brillant durchdacht.

 

Wer hier als „Kerntugend“ einen kühlen Kopf behält, der Vernunft (belegbar und nicht nur behauptet) folgt, die Sache in den Mittelpunkt rückt und zugleich auf die ebenso sachlichen Widersprüche populistischer Inhalte (die vielfach inhaltlich ihre nur vermeintliche „Kraft“ verlieren, wenn die markigen Worthülsen entzaubert sind) beharrlich verweist, der hat gute Aussichten, mit demokratischen Mitteln in Haltung und Ausdruck der dogmatischen Verengung Herr zu werden. Ohne in den Fehler zu verfallen, „auf gleicher Ebene“, persönlich emotional, den „Gegner“ als Person anzugreifen und damit die eigene Position für den Betrachter nicht mehr überzeugend und sachgerecht darstellen zu können.

 

 

Ein glänzender Beitrag für den Umgang mit einem grundsätzlichen Problem im Rahmen einer gewahrten und breiten Meinungsfreiheit. Mit dem es Zorn zugleich gelingt, mit überzeugenden Argumenten die Demokratie an sich als „für die Vernunft“ bestmöglich geeignete „Lebensform“ zu setzen.

 

M.Lehmann-Pape 2017