Berlinverlag 2013
Berlinverlag 2013

David Blatner - Extremwelten

 

Naturwissenschaft als Erlebnis

 

Naturwissenschaftliche Zusammenhänge und Dinge verständlich darzustellen, das war bisher die große Stärke David Blatners. Eine Stärke, die er in diesem Buch nahtlos fortsetzt. Ein Buch, in dem er „Grenzgebiete der Physik“ vorstellt und erläutert, in dem er verdeutlicht, dass der bisherige Wissensstand und das, was der Mensch mit seinen Sinnen erfassen kann, tatsächlich nur einen winzigen, verschwindend geringen Teil dessen darstellt, „was ist“, was das Universum ausmacht und was es beinhaltet.

 

Extreme und „Ränder“ sind es, die Blatner wohlgeordnet einer näheren Betrachtung zuführt.

Zahlen, Größe, Licht, Schall, Wärme und Zeit, mithin jene Gebiete, auf denen seit Jahrhunderten bereits intensiv geforscht wird, in denen die besten Köpfe der Wissenschaft versuchen zu erfassen, was unsere Welt und dieses Universum ausmacht, sind die Oberbegriffe, mit denen Blatner sein Buch unterteilt.

 

All dies mit dem Ziel, „ein Größenempfinden“ zu vermitteln, für jene genannten sechs Spektren. Denn je feiner die Messgeräte, je differenzierter die Herangehensweise, desto stärker verwischen sich die zunächst einfachen Grenzen von Dualitäten und fasern sich auf in Spektren, ineinander fließende Bereiche von Beobachtungen und Messergebnisse. Ein Weg, das betont Blatner deutlich, zu dem es ganz grundlegend gehört, immer wieder die eigenen Perspektiven und Annahmen zu prüfen und nicht dabei zu verharren, „unseren Realitätssinn auf unser menschliches Maß zu gründen“, denn dieses Maß greift immens zu kurz.

 

Dies alles vollzieht Blatner im Übrigen in einer sehr verständlichen Sprache und vielfachen, griffigen und einfachen Beispielen, so dass auch der physikalische Laie gut mit den Inhalten des Buches zurechtkommt (auch wenn es bereits in der ersten Betrachtung der „Zahlen“ teilweise in durchaus abstrakte Regionen führt).

 

Auch wenn am Ende der Lektüre der Leser mit Demut Thomas Edison recht geben muss, „wir wissen noch nicht einmal ein Millionste von einem Prozent über irgendetwas“ (was ja an sich bereits eine durchaus wichtige Erkenntnis ist), auf dem Weg zu dieser Einsicht warten eine Vielzahl von Aha-Erlebnissen und sorgfältig vor Augen geführter, aktueller Ergebnisse der Wissenschaft.

 

Verständlich und „einleuchtend“ erläutert Blatner u.a., „wie man Licht macht“ als „Inkandeszenz“ und „Luminiszenz“ und wie die Wellenlänge die Farbe des Lichtes beeinflusst. Oder wie das „Streben nach absolut Null“ alles drum herum (samt dem Streben selbst) bizarr werden lässt. Ein Wert der, schlechterdings nicht erreichbar ist. Eine Barriere, wie es so manche gibt, eine „asymptotische Grenze“ mit einzigartigen Phänomenen in der Welt der „Ultrakälte“, wo das „Superkleine“ zu finden ist. Zumindest theoretisch. Es ist einfach spannend zu lesen, wie sich Atome verlangsamen und mit welchen Methoden dies erzeugt werden kann. Und wie „Supraleitfähigkeit“ als eines der Ergebnisse dieser Forschung dann mehr und mehr Einzug auch in die Alltagswelt und Nutztechnik des Menschen findet.

 

Noch intensiver wird das Empfinden bei der Lektüre, wenn Blatner sich der Zeit selbst zuwendet. Das es eben in einem der aktuellen Denkmodelle keine Gleichung gibt, die ein „Jetzt“ bestimmt, oder auch nur eine „Zukunft, die sich von der Vergangenheit unterscheidet“. Zeit „vergeht nicht“, „Zeit ist“ (Eternalismus). Was bedeutet das für den „freien Willen“, für eine „Offenheit der Zukunft“, die der Mensch grundsätzlich annimmt und daher auf „Entwicklung“ hin sich ausrichtet? Faszinierend ist hier der Gegensatz der Betrachtungsweise auf „atomarer Ebene“ (im Kleinsten) und auf „Makroebene“ (das Gesamte betrachtend). Je nach Betrachtungsebene drängt ein komplett anderes „Zeitempfinden“ in den Vordergrund. So dass „das Universum nicht nur eine einzige, sondern jede mögliche Geschichte hat“.

 

Trotz des gelungenen Bemühens um eine einfache Sprache und eine bildkräftige Darstellung, dies ist keine einfache Lektüre, die man „mal nebenbei“ sich zu Gemüte führt. Komplexe Zusammenhänge, Randbereiche der Physik, tiefe Einblicke in die Quantenphysik und andere Erklärungsmodelle benötigen eine konzentrierte, immer wieder innehaltende Lesehaltung. Die zu einem deutlichen Mehrwert an Wissen führt, welches Blatner fundiert und einprägsam darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2013