Integral 2011
Integral 2011

Diana Richardson – Slow Sex

 

Nichts sonderlich Neues

 

Ratgeber, gerade auch, was die erotischen Freuden des Lebens angeht, gibt es wie Sand am Meer. Schaut man sich die Pole der sexuellen Möglichkeiten an, könnte man sagen, dass dieses Buch das Gegenteil „harter“ Sexualpraktiken darstellt, vielfältige Impulse der erotisch-sexuellen Seite des Tantra aufnimmt, im Gesamten auf der Welle der „Achtsamkeit“ für sich und für den anderen mitschwimmt und durchaus auch Elemente eines „Downshifting“ eben auch im Blick auf den sexuellen Bereich mitschwingen lässt.

 

In erster Linie richtet sich das Buch von Richardson dabei an bereits miteinander lebende Paare. Hier findet sich kein Ratgeber der neuesten Stellungen oder der kreativen Verführungsstrategien, sondern zum einen eine „Entschleunigung“ der körperlichen Nähe hin zu bewusster Wahrnehmung, langsamer Annäherung und zärtlicher Verbindung für all jene, die im Temporausch der Tage auch die intimsten Momente mit Hektik zu überziehen drohen, zum anderen (und das ist ein durchaus gelungener Teil des Buches) wendet sich Richardson auch jenen Paaren zu, die langfristig bereits miteinander das Leben teilen und auf diesem Weg feststellen, dass die körperliche Nähe „irgendwo“ auf der Strecke geblieben ist.

Was Richardson hier an Hinweisen für eine quasi „Neuentdeckung“ des Partners in ganz anderer, ruhiger und achtsamer Weise mit auf den Weg gibt, ist durchaus hilfreich und in Grafik und Sprache nachvollziehbar dargestellt.

 

Sich Zeit für den Sex nehmen bedeutet letztendlich, eine wesentliche Qualität menschlichen Miteinanders mit Tiefe zu gestalten und damit sich selbst natürlich (und ebenso dem beteiligten Partner) für Genuss, Bewusstsein und Qualität zu öffnen. In dieser Hinsicht sind viele Gedanken, Hinweise und praktische Anleitungen der Autorin durchaus bedenkenswert in einer Zeit, die Sexualität zumeist in höchst oberflächlicher Weise nur öffentlich darstellt und zugänglich gestaltet.

 

Was die konkrete Praktiken angeht, die im Buch beschrieben werden, liegt hier kein neues „Kamasutra“ vor, alle „Stellungen“ und Annäherungsweisen sind durchaus gängig, der Unterschied liegt, wie der Titel des Buches bereits vermuten lässt, in der Geschwindigkeit der Annäherung und, eben, der „Bewusstheit“ der gemeinsamen Zeit.

 

Die spirituelle „Überhöhung“ der Sexualität im Buch steht sicherlich in einer Reihe auch fernöstlicher Traditionen, wirkt im Buch auch in sich stimmig im Rahmen des Gesamtkonzeptes, ist aber letztlich für den spirituell nicht geneigten Leser durchaus zu vernachlässigen. Um in den Genuss einer anderen, langsamen, bedachten und durchaus erfüllten Sexualität zu gelangen (oder neu nach Jahren einander wieder zu entdecken), braucht es kein Bewusstsein des Sexes als „heiligen Raum“, ebenso kann man die Grundgedanken des Buches durchaus praktisch erproben, ohne im Vorfeld unbedingt noch meditative Techniken vorschalten zu müssen

 

Das Buch bietet einen ungewohnten, anderen, im Kern in Philosophie und Techniken allerdings nicht neuen, aber immer wieder bedenkens- und erprobungswerten Weg zu einem „Mehr“ an Nähe und einem bewusst langsamen, intensiven sexuell einander annähern.

 

M.Lehmann-Pape 2011