Klett-Cotta 2014
Klett-Cotta 2014

Douglas Hofstadter, Emmanuel Sander – Die Analogie

 

Fulminant

 

Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, Physik und Psychologie treffen in diesem Buch durch zwei anerkannte Protagonisten Ihrer Zunft aufeinander, die, jeder für sich, längst umfassend bewiesen haben, wie fundiert und intensiv sie in je ihrem Fach forschen.

 

Und nun legen beide auf den 700 Seiten des Buches (mit einem fast überbordenden Anhang versehen, der keine Wünsche zur vertiefenden Weiterarbeit am Thema offen lässt) eine „Quintessenz“ ihres Schaffens gemeinsam dar. Die „Denk-Formel“, könnte man sagen.

 

Die Möglichkeit, in „Analogien zu denken“ ist es, welche die Autoren als den Kern und das „eigentlich Eigentümliche“ des menschlichen Denkens setzen. Und damit auch eine klare und überzeugend argumentierte Grenze im Buch zementieren zu allen aktuellen Formen und Forschungen in Richtung einer KI.

 

Ein Buch im Übrigen, dass bei Weitem nicht als trockener Lehrstoff oder abgehobene Abstraktion daherkommt, sondern sich sehr geerdet liest. Und, vor allen, wie schon seit „Gödel, Escher, Bach“ vor allem von Hofstadter gewohnt, ein „praktisches Buch“. Die Inhalte, die Theorien, die Thesen werden, Seite für Seite, begleitend und immer wieder dem Leser erlebbar gestaltet. Mit Aufgaben, Denksätzen, vor allem mit dem „Hervorrufen von Analogien“ im Leser selbst bei der Lektüre des Buches.

 

Das ist so gut umgesetzt, dass man mit Fug und Recht dieses Buch als „Erlebnis bezeichnen kann, vom sehr hohen Informationsgewinn ganz zu schweigen.

 

„In diesem Buch über das Denken werden Analogien und Begriff die Hauptrolle spielen, denn ohne Begriffe kann es kein Denken geben und ohne Analogien keine Begriffe“.

 

Schon im Prolog stellen die Autoren ihre Kernthese vor Augen. „Analogien“ sind es, die das „Denken des Menschen“ statuieren und konzipieren. Ohne die Fähigkeit des Gehirns zur Bildung von Analogien gäbe es somit kein Denken und keinen Menschen. Analogien, die sich stetig in einem „Prozess“ entwickeln und entfalten, die veränderbar sind, die zu einer ganz anderen Form „lebenslangen Lernens“ die Grundlage bilden, als es enge Rahmungen von Pädagogik und Bildung vorherrschend bis dato in den Raum gesetzt haben.

 

„Indem das Gehirn sich pausenlos bemüht, sich mit Hilfe des Alten und Bekannten das Neue und Unbekannte zu erschließen“ und dies mit eingeprägten, aber auch immer wieder neu in Zusammenhänge gesetzte Analogien vollzieht.

 

Alle, was geschieht, wir so rasch aufgefasst,  in Begriffe „hineingepackt“, die wiederum je nur eine Momentaufnahme zunächst bilden, um dann mit weiterem „analogischem Denken“ ständig überprüft, variiert, neu geordnet zu werden in diesem ständigen Prozess im Menschen, sich der aktuellen Welt gegenüber aktuell zu halte.  Welterfassung und damit Selbstverständnis, Einordnung der Dinge und der „Anderen“ durch einen Prozess fließender Analogien und Begriffsbildungen, die „die Welt“ auf der Basis langerlernter Erfahrungen und „Abgleichungen“ doch immer wieder neu erfassen und ordnen.

 

Ein einsichtig klingendes Modell, das zunächst gar nicht so bahnbrechend daherkommt. Desto länger aber der Leser den Gedanken der Autoren darin folgt, „einfachen Analogien“ den Vorzug vor strukturiertem, logischen Systemen folgenden, analysierenden und deduzierendem Herangehensweisen geben, bis hin zur umwerfenden „Neu-Interpretation“ des Werkes Einsteins, das hat schon hier und da fast etwas Berauschendes, immer aber zeigt sich das Buch als sehr verständlich und gut zu lesen.

 

Ein Buch, das beeindruckend aufzeigt, wie sehr der Mensch von seiner je eigenen Deutung, von seinen Erfahrungen, von seinen eigenen „inneren Bildern“ geprägt ist, wie sehr die Welt nach diesen ordnet und wertet und wie wenig Einfluss „höhere Logik“ oder „sachgerechte Ableitungen“ ihn darin innerlich ins Wanken bringen. Aber auch, wie sehr die Interpretationstechniken des Menschen von seinem frühen Umfeld geprägt wurden und damit bestimme Analogien und Begriffe tief verankert vorliegen. Ohne damit ein abgeschlossenes System zu bilden, sondern gerade aufgrund des „Analogischen“ des Denkens immer wieder Flexibilität in das System hineinfließt.

 

Damit bildet das Buch auch einen Aufruf, sich mehr an „das Sichtbare“ zu halten, das „Fassbare“. Denn dort und demgegenüber entstehen umgehend und immer wieder Analogien und Begrifflichkeiten, die dann wiederum das Denken selbst in einen neuen, konstituierenden Prozess führen.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre über das, was dem menschlichen Denken zu Grunde liegt und was, wie die Autoren sagen, zu lange Zeit seiner Aufwertung harrte.

 

M.Lehmann-Pape 2014