wbv 2011
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Eckart Severing, Reinhold Weiß  (Hrsg.)- Prüfungen und Zertifizierungen in der beruflichen Bildung

 

Themenaustausch zur Bildungsforschung

 

Basierend auf der Arbeit der „Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz“ mit dem Ziel, Bildungsforscher zu praxisrelevanten Themen in Austausch zu bringen, die noch nicht ausreichend mit einem theoretischen Diskurs versehen sind, wenden sich die Herausgeber in diesem Buch dem breiten Spektrum der Prüfungen und Zertifizierungen zu. Denn trotz der hohen Bedeutung, die Prüfungen allüberall im beruflichen Bildungssystem einnehmen, stellen sie sich bis dato als eher vernachlässigter Gegenstand der Berufsbildungsforschung dar.

 

Basierend auf einem Workshop enthält dieses Buch zunächst die Diskussion um ein einheitliches Verständnis von Prüfungen und Zertifikaten, setzt sich weiterhin zum Thema, Potentiale und Grenzen moderner Prüfungsmethoden in der Berufsbildung zu bestimmen und sucht nach mittelfristig sinnvollen und notwendigen Reformzielen.

 

Dem folgen der Aufbau und die Struktur des Buches. Nach Einlassungen zu Prüfungsformen (mit einer Diskussion zu an zu denkenden Reformen) wendet das Buch einen Seitenblick durchaus auch auf eine mögliche Anerkennung „informeller Kompetenzen“ auf. Ein wichtiges Thema, dass bisher fast gar nicht ins Gewicht gefallen ist. Gerade die informelle Ebene der Kompetenzerweiterung durch eigene Motivation und quasi „nebenbei“ mit erworben, fällt durchaus als ständige Erweiterung der beruflichen Qualifikation ins Gewicht. Hier Formen einer „formalen“ Anerkennung zu finden ist wichtig und richtig. Mögliche Wege werden in den Beiträgen zunächst zwar nur angedacht, aber entwicklungsoffene Vorschläge sind im Buch durchaus nachzulesen.

 

Ebenso bedeutsam in Zeiten geforderter (und teils auch gewollter) beruflicher Mobilität ist der intensive Blick über Landesgrenzen hinaus. Unter dem Titel „Prüfungen und internationale Mobilität“ setzt vor allem der Beitrag von Thomas Reglin und Nicolas Schöpf durch ihre Betrachtung des europäischen Transparenzsystems „ECVET“ auf diese erweiterte Ebene der Kompetenznachweise für Lerneinheiten. Anrechnungsmodelle für Lerneinheiten (Units) auf den Weg zu bringen und damit Übergänge, Brücken zwischen Teilsystemen der Berufsbildung zu vereinfachen ist im eher noch starren deutschen Bildungssystem ein wichtiger Schritt zu einer Flexibilisierung der beruflichen Bildung und der Durchlässigkeit von Bildungsangeboten und Bildungssystemen.

 

Im Gesamten deutlich wird, das die Tendenz auch der Forschung zum Thema sich eher mit der Frage nach faktischen Kompetenzen, sinnvollen Prüfsystemen und durchlässiger Anerkennung von Teilprüfungen beschäftigt und nicht das Hauptaugenmerk weiterhin auf eine Bestandswahrung von Prüfungsordnungen oder eine Abgrenzung einzelner Bildungsanbieter und Bildungssysteme unverändert im Raume zu belassen. Eine Flexibilisierung ohne Qualitätsverlust und eine Durchlässigkeit von Systemen anhand von Prüfungen und Zertifikaten wäre ein wichtiges Instrumentarium zur Beförderung beruflicher Bildung in Deutschland. Jeder der fundierten Texte bietet hierzu Puzzlestücke an, die für die zukünftige Diskussion befruchtend wirken. Kein Buch für Laien, sondern ein gehaltvoller, wissenschaftlicher Diskurs, der zur Weiterarbeit einlädt und für diese Literatur und offen Fragen in den Raum stellt.

 

M.Lehmann-Pape 2011