C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Elaine Pagels – Apokalypse

 

Was hinter den endzeitlichen Bildern zu finden ist

 

Die Apokalypse nach Johannes ist ein ganz besonderes, ganz anderes, verschleiertes, in seiner Bildsprache kaum auf Anhieb zu verstehendes Buch in der Bibel. Ein „Buch der Rätsel“. Mit „Sieben Reitern und sieben Kelchen“, mit dem Bösen als Zahlenkombination „666“, mit Posaunen die zum Ende der Welt und damit zu Gottes Strafgericht blasen, mit „Zeichen“ des nahen Unterganges. Mit dem „Lamm Gottes“, in dem alles zusammenfließen wird.

 

Faszinierende „Visionen“ zunächst, die nicht nur für Hollywood Produktionen oder manchen Thriller der Neuzeit die Blaupause gebildet haben, sondern seit langem auch der theologischen Wissenschaft Rätsel aufgaben und zu intensiven Untersuchungen und Meinungsbildungen geführt haben.

 

Die Religionswissenschaftlerin Elaine Pagels nähert sich diesem Buch der Bibel nun mit einem anderen, durchaus frisch zu nennenden Blick in durchaus differenzierter Weise von seiner Entstehung an her. Woher stammen die zugrunde liegenden „Offenbarungen“? Welche Interessengruppen haben das Buch entstehen lassen? Gegen wen oder was wenden sich die Bilder und Visionen? Warum haben die Schriften, die in der Apokalypse des Johannes zusammenfließen, einerseits  soviel Widerstand hervorgerufen, so viele Versuche, dieses Buch der Bibel zu unterdrücken und warum wurde es andererseits so intensiv „kämpferisch“ genutzt?

 

Fragen, denen Pagels sachlich-nüchtern nachgeht. Fragen, die vor allem in die (je) politische Dimension dieses biblischen Textes führen. In diese Richtung verläuft im Kern die grundlegende Ausrichtung von Pagels Sicht der Dinge.

 

Von Beginn an mit politischen Hintergründen versehen ist dieser biblische Text, folgt man Pagels Darstellung der historischen Auseinandersetzung im Zuge der Kanonisierung der Bibel.

 

Wobei sowohl schon hier, in den Anfängen der biblischen Kanonisierung, wie auch im weiteren Verlauf des „Umgangs mit der Apokalypse“, Elaine Pagels nicht aus einer „Glaubensrichtung“ her ihre Gedanken und Thesen entwickelt, sondern sich den Schriften der Apokalypse rein als geschichtliche Dokumenten nähert und stringent auf dieser „innerweltlichen“ Betrachtungsweise des biblischen Buches verharrt.

 

Eine Betrachtungsweise mit Folgen. Denn die teils brachialen Bilder der Apokalypse und die stringente Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“ in diesem Buch der Bibel, wurde zu allen Zeiten intensiv in der Auseinandersetzung beteiligter Parteien genutzt. „Kampf und Krieg gegen Gegner“, das war die ursprüngliche Intention der Texte, das kennzeichnet die Nutzung der Apokalypse durch die Geschichte hindurch in den Augen der Autorin.

 

Sei es bei der Entstehung der Textsammlung als „Kampfmittel“ gegen eben „anders Denkende im gleichen Glauben“ (ursprünglich wohl gerichtet gegen Paulus und seine Anhänger), bis hin zur neueren Geschichte mit seinem „Kampf gegen das Reich des Bösen“, mit dem Kommunismus und Terrorismus in gleicher Form bezeichnet wurden und damit zunächst der Gewalt gegen anders Denkende und dem Kampf gegen andere Systeme als dem eigenen eine „religiöse, mythische Überhöhung“ in „archaischer Formulierung“ gegeben wurde.

 

Nichts anderes also als ein biblisches Buch zur „göttlichen Überhöhung“ der eigenen „weltlichen Ansprüche“, gegen das „Böse“ mit allen Mitteln zu bekämpfen. Genutzt von „Urgemeinden“ gegeneinander, von der Inquisition, von weltlicher, sich „christlich überhöhender Politik“.

 

Eine These, die Pagels sehr breit historisch und am Text belegt. Textstellen, das historische Umfeld, die Konkurrenzen und der religiöse Hass, der schon um das Jahr 90 n.C. zu finden war, all das legt Pagels durchaus schlüssig vor die Augen des Lesers.

 

Jene andere Lesart des Buches allerdings (die ebenfalls seit Beginn der Kanonisierung die „Gemüter bewegt“), die inneren, assoziativen, meditativen, glaubensorientierten Versuche des Zugangs zur Apokalypse, diese Seite aber vernachlässigt die Autorin völlig.

So verbleibt, bei aller Klarheit der Argumente, auch der Eindruck, dass hier aus der Apokalypse genau jene Bilder und jene Entwicklungslinien entnommen wurden, welche die Argumentation der Autorin stützen und andere Interpretationsschulen oder unpassende Textstellen nicht wahrgenommen wurden.

 

Alles in allem eine interessante Annäherungsweise mit geschichtlichen „Aha“ Effekten, die allerdings sehr einseitig argumentiert im Raum steht.

 

M.Lehmann-Pape 2013