Patmos 2012
Patmos 2012

Eugen Drewermann – Die sieben Tugenden

 

Tugenden als konstruktive Möglichkeiten

 

Nicht müde wird Eugen Drewermann an seinem Grundthema, welches sich durch all seine Werke und verschiedenen Themenbereiche zieht.

„Die Sache Jesus „christlich“ auszulegen, bedeutet, eine „therapeutische“ Sicht auf den Menschen einzunehmen“.

 

Nun also wendet sich Drewermann der „Tugendlehre“ zu („Kardinaltugenden“ die das Gegengewicht bilden zu den „Todsünden“). Und wie ebenfalls bei all seinen anderen Themen auch, zu denen er sich bisher eingebracht hat, kann man auch in diesem Buch den alten Gegensatz wieder deutlich erkennbar herauslesen. Dort die „Amtskirche“, welche das Evangelium und anthropologische und ethische Überlegungen „kirchenzentriert“ interpretiert und „benutzt“ (mit immer dem Unterton von „Angst“, um den „fehlbaren Menschen“ in einer engen Rahmung zu „halten“), und dort die therapeutische Sicht der Dinge, die das Evangelium, Gottes Gnade, in den Dienst des Menschen, seiner inneren Befreiung von Angst, seiner Öffnung der in ihm wohnenden konstruktiven Möglichkeiten stellt.

 

„Vertrauen statt Verzweifeln“ ist der Glaube, „Ein Spannseil zwischen Zeit und Ewigkeit“ die Hoffnung. Die Liebe meint, dass Gott den Menschen konkret individuell als Subjekt anspricht und  ansieht, die Einheit von Gedanken und Gefühlen führt zur „echten“ Weisheit. Mut und Tapferkeit beinhalten das „Wagnis, selbst zu sein“ (das Drewermannsche Grundthema überhaupt). Maß und Mäßigung führen zur Synthese der Person und in der Gerechtigkeit ist der Mensch aufgerufen, der Not der Menschen nahe zu kommen.

 

Auch wenn sowohl Drewermanns Stil wie auch seine Inhalte mittlerweile sattsam bekannt sein dürften, immer noch und immer wieder ist es wichtig und stimmig, das er aus seinen Augen Grund-Denkfehler der verfassten Religion anspricht und auflöst. „Gute Menschen handeln gut und sie werden gut, indem sie Gutes tun; beim Bösen ebenso“. Diese eher simple und zu vereinfachte Grundregel, die seit Jahrzehnten durch die Psychologie und Soziologie einfach als widerlegt gelten können, prägen doch zu sehr noch das „Alltagsbild“ der „Lehre der Kirche“ (auch wenn theologisch durchaus Differenzierteres seit langem zu finden ist).

 

Es ist das Kernproblem, welches Drewermann seit langem bereits ausgemacht hat, das auch hier zum Tragen kommt: „Die Vorstellung von Gott als dem obersten Gesetzgeber und Hüter der Gerechtigkeit überhöht die Welt der bürgerlichen Gesellschaft ins Unendliche“ und wird eben nicht der Intention des Evangeliums als genau diese Hierarchie durchbrechend und den Menschen innerlich befreiend von diesen alten „Angst-Bildern“ gerecht.

 

Und so macht sich Drewermann in Form von „Predigten“ (mit meditativen Anklängen) auf, die „dramatische Alternative von Angst und Vertrauen in allen Fragen der Personwerdung“ aufzugreifen und teils intensiv anrührende Bilder zu finden, den Leser zu ermutigen mit Glaube, Vertrauen, Hoffnung, Liebe die Gnade Gottes für sich zu entdecken und die befreiende Kraft für sich zu nutzen. „Glaube“ ist eben nicht, wie  die Lehrmeinung sagt, ein Akt der Vernunft und des Willens, sondern eine innere Bindung und ein inneres Erleben mit ermutigender und befreiender Wirkung. Demgegenüber aber macht eben nichts „den Menschen böser als der aus Strafangst und Autoritätsabhängigkeit geborene Zwang zum Guten“. Ein Mensch kann aber „nur gut sein aufgrund einer Güte, die er erfährt“.

 

In altbekannter Weise, in fast unveränderten Formulierungen, durchaus aber mit Anregungen und, wieder einmal, einem „Augen öffnen“ für die „Gnade Gottes“ und die therapeutische Wirkung des Evangeliums (und der sieben Tugenden) bietet Eugen Drewermann eine „menschenzentrierte“ Meditation der sieben Tugenden in Predigtform an. Im Kern in seinen Deutungen vorhersehbar, durchaus aber (wieder einmal) gut zu lesen und mit Ertrag.

 

M.Lehmann-Pape 2012