J.B.Metzler 2017
J.B.Metzler 2017

Frank Zipfel – Tragikomödien

 

Sorgsame Nachzeichnung einer Gattung

 

„In der europäischen Literaturgeschichte wurde die Kombination von Tragik und Komödie in ein und demselben Drama lange Zeit abgelehnt“.

 

Und in der Gegenwart bewerten die einen diese Gattung als „die wichtigste moderne Dramengestaltung“, während andere diese als „unsinniges und unbrauchbares Konzept“ bezeichnen.

 

Durchaus also ein Stoff, bei dem Reibung vorhanden ist, den sich Frank Zipfel für seine Betrachtungen ausgewählt hat.

 

Vor allem, weil eine der Begründungen gegen eine Vermischung von Tragik und Komik aus Sicht des Zuschauers hohen Sinn macht.

 

Tragik nämlich benötigt emotionale Nähe zu den Figuren, um das Unglück, äußerlich wie innerlich, emotional machvollziehen zu können und Komik arbeitet ihrem Wesen nach ja gerade mit einer gewissen emotionalen Distanz, „über“ etwas oder jemanden Lachen zu können gibt dem Zuschauer den Status eines „Beobachters“ statt eines „Beteiligten“.

 

Gelöst werden kann dieses Reibung der „Ansprache des Zuschauers“ durch das Stück selbst eigentlich nur durch eine hohe Qualität der Vermischung beider „Emotionsformen“. Was, wie Zipfel fundiert aufzeigt, eben doch nachhaltig gelingen kann.

 

Als „relevantes Gattungskonzept“ für das 19 und 20. Jahrhundert setzt Zipfel daher die Tragikomödie durchaus, bevor er sich im Einzelnen und sehr differenziert an die Gattungsanalyse begibt. Unter Verweis auf die „erste Tragikomödie“ durch den römischen Komödienautor Plautus in dessen Stück „Amphituo“ nähert er sich dabei zunächst einer genauen Begriffsklärung an, bevor inhaltlich in großer Breite sich des Wesens und der Bedeutung der Tragikomödie zuwendet.

 

Von der „gattungstheoretischen Einordnung“ hin zur differenzierten Darstellung von Komik und Komödie (Harmlosigkeitspostulat, emotionale Distanz, Formen der Bühnenkomik etc.) einerseits und Tragik und Tragödie (Leidgeschehen, tragischer Held Konflikte und Schuld, Wirkweisen der Tragödie etc.) andererseits, die Zipfel zunächst solitär zu Wort kommen lässt, bevor er in vielfachen Analysen und Interpretationen die Kombinationen vor Augen führt.

 

Lenz, von Kleist, de Musset, Hebbel, Hauptmann, Becket, die Liste der Autoren mit Weltrang und deren ausgewählte Stücke im Buch ist lang und zeigt bei der näheren Betrachtung eindeutig auf, welch „guten Ruf“ oder „innere Motivation“ in der Literaturgeschichte von dieser Gattung ausging und zu dieser Gattung je im Einzelnen der Autoren führte. Was die kritische Betrachtung und Bewertung der Gattung nicht unbedingt intellektuell, durchaus aber ganz praktisch in Frage stellt. Der Reiz and er Gattung scheint gerade im 19. Und 20. Jahrhundert deutlich höher gewesen zu sein, als die Schwierigkeiten der Kombination oder Ressentiments gegen Tragikomödien.

 

Seien es „komische Nummern vor tragischem Hintergrund“ wie bei „Warten auf Godot“, sei es die „Unaufrichtigkeit“, gleichermaßen aus ihrer tragischen wie aus ihrer komischen Perspektive her dargestellt wie in „Die Ratten“, die vielfachen praktischen Beispiele, die Zipfel ruhig und sachlich analysiert, bereiten bestens den Boden für die „Kombinationsformen von Tragik und Komik“, die Zipfel im Anschluss an die praktischen Beispiele generalisierend in ihren grundlegenden Zügen vorlegt.

 

Alles in allem eine anspruchsvolle, wissenschaftliche Betrachtung, deren Lektüre aufgrund der teils komplexen Sprache nichteinfach fällt.

 

In der Zipfel aber bestens strukturiert und aufeinander aufbauend dem Leser die Wesensmerkmale Der Tragödie vermittelt und die Bedeutung derselben in der Literaturgeschichte und als „heuristische Möglichkeit der Erkenntnis“ im indirekten Sinne herausstellt.

 

Ein Werk, dass weniger als allgemeine Lektüre zu nutzen ist, dem am Thema Interessierten aber breite und fundierte Auskunft erteilt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017