Piper 2017
Piper 2017

Friedemann Karig – Wie wir Lieben

 

Fundamentale gesellschaftliche Veränderung

 

Fast 50 Prozent beträgt inzwischen (2015) die Scheidungsrate in Deutschland. Und das, obwohl die Vielzahl der Menschen zu Protokoll geben, sich eine gelingende und tragfähige Beziehung sehr zu wünschen. Und das, obwohl die Online-Dating und -Partnerschaftsvermittlungsportale ungebremst hohe Zulaufzahlen vorlegen können.

 

Einerseits also scheint das „alte“ Lebensbild der „großen Liebe“ und eines dauerhaften, erfüllten Lebens zu zweit ungebremst noch seine Wirkung zu tun, andererseits, sei es aufgrund einer digital unbegrenzt wirkenden Auswahl an möglichen, neuen Partnern oder an der Überfrachtung der Partnerschaft als sinngebendes Lebensmodell oder seien es ganz andere Gründe, diesem Bedürfnis und Ansinnen scheint weitgehend keine Dauer mehr geschenkt zu sein.

 

Grund genug, die „Monogamie“ als Lebensmodell auf den Prüfstand zu stellen. Und das beileibe nicht zum ersten Mal durch dieses Buch von Friedemann Karig, sondern zum wiederholten Mal in den letzten Jahrzehnten. Unüberschaubar zumindest ist die Zahl der Bücher zum Thema Partnerschaft, von der wissenschaftlichen Studie bis zum einschlägigen Ratgeber.

 

Wobei Karig in wohltuender Weise gar nicht „die eine“ Lösung präsentiert und auch nicht „die eine Ursache“ formuliert, wohl aber resümiert, dass die „Monogamie“ als vorherrschende Lebensform den Fakten einfach nicht mehr entspricht. Sein Plädoyer richtet sich, aus dieser Erkenntnis heraus, dann auch weniger auf „Beherrscht Euch – irgendwie“, sondern bietet dem Leser Anhaltspunkte und auch Lernorte für eine „Partnerschaft in Freiheit“ an. Denn, ob man das wahrhaben möchte, oder nicht, ob es gerade den Gefühlen entspricht, oder nicht, die Realität zeigt, dass Partnerschaften zumindest auf der Sachebene leicht gelöst werden können und eine „Lust auf fremde Haut“ bei weitem nicht mehr so ablehnend betrachtet wird, wie noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

 

„Die moderne Liebe bleibt widersprüchlich. Sex wird einerseits zu leicht und andererseits zu ernst genommen…Sex bleibt die Urkraft, die uns antreibt“ (zumindest in den sexuell aktiven Jahren, die sich in den letzten Jahrzehnten ebenfalls immer weiter ausgedehnt haben).

 

Und wohltuend für alle Seiten an Haltungen zu Paarbeziehungen ist, was Karig am Ende mit auf den Weg gibt, nachdem er alle möglichen Erscheinungsformen von Partnerschaften, deren Chancen und Gefährdungen, deren romantische Verklärung und sachlich zu sehr gestaltete Ernüchterung einer „Besichtigung“ im Buch zugeführt hat (auch anhand interessant und anregend gestalteter „Lebensbeispiele“, mit denen er konkrete Paare und ihre Haltungen und Entwicklungen im Buch als roten Faden mitlaufen lässt.

 

„Eine Liebe zu einem Menschen offen zu gestalten, ohne an einen Endpunkt zu denken, ab dem gefälligst alle glücklich und zufrieden sein sollen – das ist die offene Beziehung, von der hier die Rede ist“.

 

Nicht eine wahllose oder beliebige Form der Partnerschaft, aber eine, innerhalb derer sich Regeln neu definieren und, im Lauf der Zeit, veränderten Verhältnissen und Bedürfnissen anpassen können, ohne gleich einen oder beide der Partner in helle Aufregung zu versetzen, weil sie eben zu starr an althergebrachten, vermeintlich sicheren Rahmungen festhalten.

 

 

Eine Art der Beziehungsführung, die Selbstbewusstsein und Kraft benötigt, die aber dann auch Dauerhaftigkeit erlangen kann.

 

M. Lehmann-Pape 2017