Suhrkamp 2017
Suhrkamp 2017

Fritz Breithaupt – Die dunklen Seiten der Empathie

 

Zur differenzierten Betrachtung einer der wichtigsten Elemente der Psychotherapie

 

Carl Rogers hat den Begriff geprägt und die Methode zu einer der Grundlagen der modernen Psychotherapie gesetzt, die inzwischen in so gut wie jeder psychotherapeutischen Schule und Methode als eine der Kernkompetenzen in der Haltung des jeweiligen Therapeuten anerkannt und gesetzt ist.

 

„Empathie bringt die Exploration in Bewegung“, so das Credo von Rogers, das eine breite und inzwischen allgemein gesetzte Anerkennung und Verbreitung erfahren hat.

 

Fritz Breithaupt lässt, zumindest, die unkritische Setzung der Wertschätzung dieser „Variablen“, wie Rogers die Empathie kennzeichnete, nicht „einfach so“ stehen. Sondern unterwirft das „einfühlende Verstehen“, das „aktive Zuhören“ (wie Thomas Gordon den Begriff der Empathie für die Praxis formulierte) einer kritischen Prüfung von Seiten möglicher Einwände und den Gegenargumenten gegen die Empathie als solche, nicht nur in der Nutzung in als psychotherapeutisches Instrument her.

 

Wobei Breithaupt sich sehr grundsätzlich und gründlich der Empathie als grundlegender menschlicher Möglichkeit und Eigenschaft her nähert und diese eben auch, ungewohnt zu hören, aber überzeugend in der Argumentation, in Verbindung mit feindlichen Verhärtungen, Terrorismus, Ausbeutung, Schikanierung, Sadismus, falsches Mitleid, sogar dauerhafte Unterdrückung bringt. Empathie ist in den Darlegungen Breithaupts ein auch solche Haltungen „ermöglichendes Verhalten“.

 

„In vielen Fällen liefert Empathie dabei gerade die Motivation zur Tat, so dass wir sagen müssen, dass die Untaten nicht trotz, sondern aus Empathie geschehen“.

 

Was zunächst hochgradig befremdet und höchst ungewohnt zu hören ist, sich aber im Lauf der Lektüre dem Leser durchaus erschließt, denn das „sich Einfühlen können“ hat eben nicht nur die verständnisvolle, ermöglichende, mitleidende, verstehende und stützende Seite, sondern bietet, als „Kehrseite“ eben auch den Nährboden des eigenen Gefühlserlebens durch das Leiden des anderen, was in, zugegeben „verqueren Köpfen“ fast immer zu destruktiven Handlungen und Einstellungen führen kann.

 

„Die guten Seiten der Empathie sollen nicht bestritten werden, doch wir müssen uns von einem einfachen Bild von Empathie befreien“.

 

Und das ist, auch das zunächst überraschend, letztlich ein Gewinn für die Empathie an sich und als Instrument der Psychotherapie im Besonderen. Denn die Schattenseiten zu kennen und anzunehmen bedeutet in der Praxis eine notwendige Erweiterung der Selbstprüfung im allgemein menschlichen und speziell therapeutischem Prozess und schärft damit die konstruktive Anwendung der Empathie.

 

Schon das erste, einfache Beispiel illustriert in bester Weise, was Breithaupt im Blick hat:

 

„Wann immer ich jemand anschaue und anfange, sadistische Gedanken zu haben, bin ich in der Lage, zu verstehen und zu fühlen, was die andere Person durchmacht…und das ist es dann, was mich erregt“.

 

Am Ende der Lektüre wird deutlich, wie im Weg des möglichen Selbstverlustes durch Empathie, durch Gewinn aus destruktiven, gewalttätigen Handlungen aus Empathie, durch „Aussaugen“ eines anderen („Vampirismus“, ein gelungenes Beispiel setzt Breithaupt anhand der „Helikopter-Eltern“), durch falsche Empathie oder manipulierende Empathie und einiges mehr, dass es im Blick auf die Empathie keine einfache Schwarz-Weiß Haltung geben kann.

 

Empathie ist. Jeder Mensch ist, grundlegend, zu dieser fähig. Und wie ein einfaches „Dagegen Sein“ nicht zielführend ist, ist auch ein rigoroses „Dafür Sein“ dem weiten Feld der Empathie nicht angemessen.

 

 

So schärft Breithaupt den Blick für die Differenzierung der Empathie, löst sich und den Elser von einer einseitigen Beurteilung der Möglichkeit zur Einfühlung in andere Menschen und Lebewesen und bietet so einen wichtigen, anderen, ungewohnten, aber gehaltvollen Zugang zur „Welt der Empathie“, der sehr zum eigenen Nachdenken und zur Neubewertung der Empathie anregt.

 

M.Lehmann-Pape 2017