dtv 2015
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Günter Ogger – Die Diktatur der Moral

 

Über die neue – alte Enge des Lebens

 

Vielleicht ist es ja eine Art innerer Gegenbewegung angesichts einer amoralischen Welt. Die vielleicht immer so war, deren teils impertinente Unverfrorenheit aber im Informationszeitalter umgehend aufgedeckt, geleakt, bekannt gemacht wird und daher vor aller Augen steht.

 

Von den Bereicherungen auf dem Finanzsektor über die Doppelbödigkeit nicht weniger Politikerpersönlichkeiten, von „vergessenen“ Mikrofonen die beim ein oder anderen dessen Menschenverachtung über den Äther deutlich macht bis hin zu den „integren“ Fußballfunktionären, die aktuell gerade im Dutzend strafrechtlich verfolgt werden.

 

Auf der einen Seite also ist es mit der „Moral“ nicht weit her, betrachtet man viele von jenen, die an den „Fleischtöpfen“ sitzen oder dringend dahin wollen, auf der anderen Seite aber, und das beobachtet Günter Ogger ganz ausgezeichnet mit vielen, vielen Beispielen, gibt es eine intensive, „neue“ Form der öffentlichen Moral.

 

Eine Moral, die durchaus Kraft und Macht besitzt, auch das zeigt Ogger auf, die so manchen ganz schnell ins Abseits stellt, so bekannt wird, dass dieser oder jene die Moral zu stark zur Seite geschoben haben.

 

„Sie sollten sich schämen“, so schallt es Ogger schon bei der falschen Parkplatzwahl entrüstet entgegen und selbst ein Weltkonzern wie Siemens (der es mit der Moral  zumindest in Bezug auf Schmiergelder jahrzehntelang nicht besonders ernst genommen hat), betont seine nun strikte Ausrichtung nach „wirtschaftlich, ökologisch und sozial“.

 

Spielte die Moral ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in Ablehnung der Werte der Kriegsgeneration zunächst offenkundig gar keine Rolle, lässt sich doch im Nachhinein und bis heute mehr und mehr herausarbeiten, wie letztendlich nur die „eine Moral“ gegen die „andere Moral“ ersetzt wurde und auch in den wildesten Hippie Kommunen letztendlich klare Wertvorstellungen galten (eher verdeckt natürlich), die damals wie heute genau das bewirkten, was Moral immer bewirkt: Das die einen „dazu gehören und drinnen sind“ und die anderen eben „draußen bleiben“ oder nach draußen bewegt werden.

 

Getragen von Persönlichkeiten und Haltungen, die aus der damaligen Zeit stammen, sich in der Friedensbewegung mit organisiert haben und nun die „Macht der moralischen Deutung“ zu einem nicht unerheblichen Teil innehalten.

 

Und im Zuge der Ereignisse der letzten Jahre, der Finanzkrisen, der Offenlegung sich selbstbereichernder Systeme, des Wissens um die himmelschreienden Ungerechtigkeiten in Bezug auf Armut und Teilhabe und der, nicht zuletzt, ökologischen Missachtung des Planeten ist, wie Ogger überzeugend darlegt, ein regelrechter „Siegeszug der Moral“ entstanden.

 

„Überall auf dem Globus begannen die Leute, sich nach mehr Anstand, mehr Moral zu sehnen“.

 

Was vielleicht an sich nichts Schlechtes ist, andererseits aber, wie Ogger ebenso akribisch wie auch mit teils humorvoll aufzeigt, überschlägt in eine „Diktatur der Moral“, die vor allem eines macht, nämlich in weiten Teilen (wieder) unfrei. Ganz davon abgesehen ist zudem gar nicht wirklich klar, ob diese „äußere Moral“ nun auch „innere Veränderungen“ tatsächlich hervorrufen an den „Schaltstellen von Macht und Geld“, oder eben nur dem nun gerade mal moralisch orientierten Volk neue Etiketten vor Augen hält, um munter weiter die Schraube des Konsums und der Bereicherung mit unschuldigen Augen zu drehen. Und eine ganze Reihe „überforderter Tugendwächter“ eher hilflos zurück zu lassen.

 

So interessant Ogger das alles auch aufbereitet (mit einer ganzen Menge von „Aha-Effekten“ bei den Lesern, es fehlt ein stückweit die Synthese nach der Analyse.

 

„Die Diktatur der Moral wird das 21. Jahrhundert prägen“.

 

Ein Buch, das keine fertigen Programme bietet, ein wenig zu sehr im rein Darstellenden verbleibt, aber den Finger pointiert auf eine offenkundig aus dem Ruder laufende Entwicklung legt und mit seinen vielen Beispielen und teils polemischen Zuspitzungen sicher das erreicht, was Ogger vor allem befördern möchte: Die Auseinandersetzung und den Dialog über seine Beobachtungen und Schlüsse.


M.Lehmann-Pape 2015