Metzler 2014
Metzler 2014

Gabriele Rippl, Simone Winko (Hg.) – Handbuch Kanon und Wertung

 

Ein umfassender Blick auf Literaturwertung und Kanon-Bildung

 

Immer wieder wurde in den letzten Jahrzehnten die Frage nach der Notwendigkeit eines Kanons literarischer Werke differenziert im Blick auf all sich stellenden Anfragen dieser Hinsicht in der Moderne positiv beantwortet.

 

Ein Kanon der wichtigsten literarischen Werke gilt selbst hartnäckigen Skeptikern einer allgemeinen Kanon-Bildung als doch wichtige Orientierungshilfe für Schüler und Studierende.

 

Auch in der gegenwärtigen pluralistischen Gesellschaft besteht offenkundiges Interesse an „kanonisch ausgewiesener Literatur“, wie vielfältige Bildungen eines auch genrespezifischen Kanons aufzeigen.

 

Was aber nun die Wertung von Literatur und damit ihre Kanonisierung oder eben Nicht-Kanonisierung angeht, hat die wissenschaftliche Diskussion in den letzten Jahrzehnten vielfach differenzierte Betrachtungen und Wertungsmodelle hervorgebracht, ein Prozess, der Prozess bleiben wird und beileibe nicht als abgeschlossen gelten kann.

 

Eine Offenheit, welche die Autoren im vorliegenden Werk durchaus aufnehmen, aber dennoch mit fundierten Aussagen und manchen Festlegungen in der Breite des Themas versehen.

 

So spiegelt das Handbuch in bester Weise den aktuellen Stand der Diskussion wieder, zeigt Wertungsinstanzen und Wertungskriterien auf, spiegelt die Vielfalt der aktuellen Positionen nachvollziehbar wieder, wendet sich den sachlichen Differenzen in der Kanon-Forschung zu und stellt ebenso die Stränge der Wertungsforschung dar.

 

Daher bietet das Werk zum einen eine Übersicht über die „vielfältigen und heterogenen“ Postionen, bündelt deren Ansätze und klärt Grundbegriffe ebenso, wie es Probleme und offene Fragen benennt. Zum anderen wenden sich die Autoren dem großen, gesamten, breiten Spektrum literarischer Institutionen zu, in denen Kanon-Bildung und Bewertung von Literatur eine tragende Rolle spielen (literarischer Markt,  Buchhandel, Verlagswesen, Medien, Rezensionswesen, Schule, Theaterspielpläne, Literaturpreise und vieles mehr). Wobei auch die „neuen Medien“ im Buch umfassend mit betrachtet und eingearbeitet werden.

 

Zu guter Letzt ergeben sich aus den Darlegungen eine Reihe noch offener Fragen der Forschung, somit bietet dieses Handbuch auch ein breites Feld an Anregungen für die weitere Diskussion, in dem die Autoren den noch offenen Forschungsbedarf je hinweisend benennen.

 

In der Struktur ist das Buch nicht historisch aufgebaut, sondern „theoretisch-systemisch“, vollzeiht also nicht die „Geschichte der Kanon-Bildung und Bewertung von Literatur“ nach, sondern ordnet die verschiedenen Herangehensweisen und die teils auch einander sich reibenden Bewertungsinstanzen in das System literarischer Einordnung und Bewertung ein.

 

So beginnen die Darlegungen folgerichtig mit einem Einblick in  die verschiedenen Wertungstheorien, geht über zur Darstellung der verschiedenen Kanon-Theorien, systematisiert diese im Folgenden und bietet dann in breitem Umfang den bereits erwähnten Blick auf die vielen und unterschiedlichen Wertungsinstanzen (mit der Untersuchung auch des „Wie“ der Wertung in den einzelnen Bereichen des „Literaturbetriebes“).

 

Erst dann erfolgt eine historische Betrachtung der Kanon-Bildung und, auch dies gut gelungen, das Buch endet mit einem praktischen Blick auf die “Arbeit des Wertens“.

 

 

Alles in allem ein umfassendes, sehr fundiertes und interdisziplinär angelegtes Handbuch für ein Feld des Literaturwesens, das einerseits immer noch bedeutsam und wichtig ist, andererseits vielfach diskutiert vorliegt und bis dato noch mit vielen offenen Fragen (wieder) Versehen ist. Fragen, in denen deutlich wird, dass die historischen Kriterien einer „Kanon-Bildungen“ in der Gegenwart nicht mehr tragen und vielfach neue Ansätze hinzugetreten sind.

 

M.Lehmann-Pape 2014