C.Bertelesmann 2013
C.Bertelesmann 2013

Gerd Gigerenzer – Risiko

 

Die „Psychologie des Risikos“

 

Das freiwillige Eingehen von Risiken gehört in der Regel nicht zu den Stärken der Gattung Mensch. Im Gegenteil, in der Regel ist der „Gang auf Nummer Sicher“ wesentlich weiter verbreitet. Das, was unbekannt ist, wird zunächst misstrauisch und mit eher Abwehr betrachtet, als eine „Gefährdung“ wahrgenommen.

 

Auf der anderen Seite gibt keinen Fortschritt und keine persönliche Entwicklung ohne Aufbruch in „ neue Gefilde“. Wie  Erich Fromm sagte: „Unwissenheit ist gerade die Bedingung, die den Menschen zur Entfaltung seiner Kräfte zwingt“.

 

Und besser, das legt Gerd Gigerenzer sehr überzeugend dar, wäre es, sich „im Risiko einzuüben“, denn letztlich ist das Leben nicht wirklich kontrollierbar, sind feste Sicherheiten rar gesät und ist es wenig erfolgversprechend, plötzlich neuen Herausforderung sich gegenüberzusehen, nachdem man sich in Formen der „Vermeidung“ breit und lange eingeübt hat. Eine Haltung, die das Risiko in Kauf nimmt und damit agiert ist notwendig. Soweit könnte man die Kernbotschaft des Buches zunächst zusammenfassen.

 

Oft und oft ist der Versuch, einer Krise Herr zu werden, allerdings mit enger gezurrten Rahmungen, neuen Gesetzen, besseren Vorbereitungen, höheren Versicherungen und ähnlichem verbunden. Was aber selten als Konsequenz aus der Risikobehaftung des Lebens erfolgt, ist die Entwicklung eines „risikokompetenten Bürgers“. Auf der Basis seiner Kernbotschaft wäre dies das Ziel, für das Gigerenzer mit seinem Buch zumindest einige wesentliche Einsichten und Elemente, erfolgreich im Übrigen, vermittelt.

 

Und dies angesichts der eher nüchternen Erkenntnis, dass Menschen wenig vorbereitet oder wenig Willens sind, sich mit „der Wahrheit“ oder „Ent-Täuschungen“ zu beschäftigen und daher Fachleute vielfach der Überzeugung sind, dass der „normale Mensch“ ein gehöriges Maß an Bevormundung benötigt, um einigermaßen über den Tag zu kommen.

 

Für Gigerenzer ist dies natürlich nicht die Lösung. Sondern die Herstellung einer „Risikointelligenz“. Eine Kompetenz, die gerade auch in Situationen zum tragen kommt, in denen nicht alle Wendungen und Risiken vorab oder mittendrin berechnet werden können. Gepaart mit einem „natürlichen Maß“ an Vorsicht. Aber dieses „natürliche Maß“ scheint abhanden gekommen zu sein und einer „Übervorsicht“ den Platz überlassen zu haben mitsamt einhergehenden Illusionen, sich tatsächlich den wesentlichen Risiken des Lebens entziehen zu können (was nicht geht) oder diese für sich nicht annehmen zu wollen (was mit Stillstand, Degeneration und Bevormundung durch andere dann verknüpft ist). „Expertenrat“ allerdings  ist auch keine wirkliche Lösung, wie die Finanzkrisen seit Jahren überdeutlich zeigen. Eigene Entscheidungen sind das A und O des Lebens, der Mut, diese auch mit Risiken zu treffen ist vonnöten für ein einigermaßen gelingendes Leben. Erwachsensein, so kann man Gigerenzer verstehen, bedeutet einen offenen Umgang mit Risiken und die Entscheidung, sich nicht „von anderen“ bestimmen zu lassen (kein „Paternalismus), auch wenn sich dies „bequem“ anfühlt.

 

Schritt für Schritt nun eröffnet Gigerenzer dem Leser das Wesen und den möglichen Umgang mit Risiken. Von der „Psychologie des Risikos“ (mit eindrucksvoller Beweisführung, das „Gewissheit nur eine Illusion“ ist und das „Defensives Entscheiden“ nicht wirklich weiterführt) und der Antwort auf die Frage, warum wir uns eigentlich vor dem fürchten, was uns aller Wahrscheinlichkeit nach nicht umbringen wird, geht Gigerenzer im zweiten Teil dann über in ein Erkenntnis- und „Schulungsprogramm“ zur Erlangung von Risikokompetenz. Mit immer griffigen Beispielen und in einfacher Sprache öffnen seine Bemühungen Seite um Seite einen anderen, angemessenen Blick auf den Umgang mit Risiken.

 

Das Gigerenzer dafür plädiert, möglichst früh schon an den Schulen „Riskokompetenz“ zu schulen und sein Unverständnis darüber ausdrückt, dass die risikobehaftete Grundbeschaffenheit des menschlichen Lebens und die Chancen, die sich nur durch die Übernahme von Risiken eröffnen, wenig bis gar nicht der je nachwachsenden Generation vermittelt werden, ist eine logische Folge aus dem Duktus des gesamten Buches.

 

Sachlich, fundiert, leicht lesbar, erhellend führt Gigerenzer vor Augen, was dem menschlichen Leben selbstverständlich ist. Risiko gehört dazu, wegducken funktioniert nicht auf Dauer, andere haben oft hohe Eigeninteressen und sind als Fachleute nicht völlig vertrauenswürdig. Also bleibt nur, mit natürlicher Vorsicht natürlich, sich den Risiken des Lebens gegenüber aktiv zu verhalten. Dafür aber braucht es Wissen, Bildung, ein gesundes Misstrauen Fachleuten gegenüber und Emanzipation. Was man lernen kann.

 

M.Lehmann-Pape 2013