S.Fischer 2013
S.Fischer 2013

Giorgio Agamben – Die Macht des Denkens

 

Themenvielfalt auf hohem Abstraktionsniveau

 

In so manchen Essays hat sich der italienische Philosoph Agamben zum einen durchaus verschiedenen, immer aber grundlegenden Themen zugewandt und zum anderen sich ebenso immer wieder mit den Gedankengebäuden anderer Philosophen auseinander gesetzt.

 

Der vorliegende Band versammelt das essayistische Werk Agamben und passt sich im inneren Kern bestens dem gewählten Titel, „Die Macht des Denkens“ an. Denn das „Denken“ für Agamben dem Menschen so notwendig wie Luft zum atmen ist, das liest der Leser aus der Lektüre schon der ersten Essays umgehen heraus. Im eigenständigen Essay „Die Macht des Denkens“ dann führt Agamben den Leser explizit auf das eigentliche „Vermögen des Menschen“ hin.

 

Ein Vermögen des und im Menschen, das gedanklich immer erst nur „potentiell“ vorhanden ist, eine „Sinnlichkeit als Vermögen der Seele“, das Agamben überaus beschäftigt und dem er, wie ins einem gesamten Werk, auch in diesem Essay in die Tiefe hinein folgt und darin auch die Problematiken dieses eher abstrakten Vermögensbegriffes beleuchtet.

 

Auf welche Weise denn existiert ein solch „potentielles Vermögen“ denn überhaupt? Wie ist es wahrnehmbar? Eine Gedankenreihe folgt, die dann auch dem Leser vieles an Konzentration und Abstraktionsvermögen abfordert, wenn Agamben von Aristotels ausgehend zur „Privation“ (eine Präsenz dessen, was in der Handlung, auch im Wahrnehmungsakt fehlt und dennoch „nicht abwesend“ ist) sich zum „Vermögen zur Dunkelheit“ durcharbeitet und festhält, dass eben die „Größe - aber auch das Elend  - des menschlichen Vermögens darin besteht, dass es auch in erster Linie eine Potenz ist, nicht zum Akt überzugehen“.

 

Durchaus auf hohem sprachlichem Niveau kreist Agamben so eine Definition des menschlichen „Vermögens“ ein, dass in der Macht des und der Macht zum Denken als Potential jedem Menschen innewohnt und, weiter gedacht, als Potential genutzt und entfaltet werden will und muss, soll der Mensch nicht „Im Dunklen“ verleiben (wobei „Dunkel“ letztendlich in der griechischen Philosophie mit dem Tod gleichzusetzen ist).

Eine Nutzung der inne liegenden Potenz, die dann in ihrer „äußersten Gabe“ das „Denken des Denkens“ ist.

 

So verstanden erschließt sich, wenn auch nicht immer auf Anhieb sprachlich, zumindest der Zugang zu den weiteren Themen und Personen im Rahmen der Essays Agambens.

 

Sei es die Sprache mitsamt der „Unmöglichkeit, ICH zu sagen“, sei es in der Geschichte das Absolute, aber auch das Dämonische, der Ursprung und das Vergessen, sei es in Bezug auf oben erwähntes „Vermögen“ das Denken, aber auch die Einlassungen zu Heidegger und der Versuch der Beschreibung einer absoluten Immanenz, schwere Kost ist es durchgehend, die Agamben an den „Grenzen des Denkbaren“ vorlegt. Für den aber, der von Aristoteles ausgehend dem Denken sich annähern will in all seinen vielfachen, sichtbaren Facetten, Wegen und Irrwegen (bis hin zu „Überlieferung des Unvordenklichen“, der wird an diesen Essays so einiges an Arbeit und Reflektionsmöglichkeiten für sich finden.

 

Als ein „Einstieg“ in konkrete Themen oder eine philosophische Lektüre „nebenbei“ ist dieser Band allerdings in keiner Form geeignet, der Platon, Aristoteles, Wittgenstein, Heidegger und viele mehr wie nebenbei mit zitiert, aufnimmt, sich abgrenzt, immer in dem Versuch, das philosophisch grundlegende zu beschreiben und „dingfest“ zu machen, soweit das möglich ist.

 

M.Lehmann-Pape 2013