Droemer 2014
Droemer 2014

Hamed Abdel-Samad – Der islamische Faschismus

 

Massives Plädoyer zur Trennung von Staat und Religion

 

Monotheistische Religionen operieren von Natur aus mit „ewigen, offenbarten Wahrheiten“ und ebenso liegt es in der Natur der Religionen, vor allem dann ihrer „weltlichen Organisationsformen“, diese Wahrheiten zu bewahren und zu verteidigen.

 

Um zu Beginn nicht nur den Islam in den Vordergrund zu rücken, sowohl die ultraorthodoxen Juden der Gegenwart als auch die christlichen Kirchen (offen „tatkräftig“ eher in der Vergangenheit) vollziehen dies genauso, wie es der Islam intendiert. In der inneren Logik geht das auch gar nicht anders.

Denn wenn es das „göttliche Ziel“ ist „Menschen und die Menschheit“ auf „einzig möglichem Weg“ zu retten, wenn jede Abweichung Untergang, Hölle oder Verwässerung des „reinen Glaubens“ bedeutet, sind die Motive für ein solches Handeln inhärent unumstößlich angelegt.

 

Inquisition, Kreuzzüge, Judenverfolgung, Folter, Machtansprüche, Exkommunikation, Religionskriege, all das kennzeichnet die Geschichte der christlichen Kirchen ebenso, wie Lehrverurteilungen, Ausgrenzung und offizielles Redeverbot (von Gallileo bis Hans Küng und Eugen Drewermann). Alles Elemente im Übrigen, die „faschistisch“ genannt werden können. Ob im Vatikan des Mittelalters oder in der Reichskanzlei oder bei Steinen gegen Frauen in „falscher Kleidung“ in Tel Aviv oder eben an manchen Orten islamistisch-weltlicher Herrschaft.

 

Und das alles zu allen Zeiten, bei theistischen Religionen oder weltlichen (poltischer Faschismus und Diktaturen) einhergehend mit einem massiven Verhalten der „Unbelehrbarkeit“ (Ein wichtiges Anzeichen Übrigens auch in öffentlichen Diskussionen, auch zu diesem Buch jetzt, ob Argumente der anderen Seite gehört werden können oder, wie häufig nun erlebt, nur „Stichwortanschlüsse“ für ausführliche „Predigten“ und ein „sich verwehren mit rotem Kopf“ sind).

 

Die vor allem durch die Aufklärung (und innerkirchlich auch durch „die Reformation“ und „Reformationen) gebrochene weltliche Kraft der christlichen Kirchen, das Beharren auf der Einbindung ultraorthodoxer Kräfte in staatliche Abläufe in Israel sind nun im Blick auf diese Religionen Zeichen einer „Platzzuweisung“ in westlich geprägten Kulturen.

 

Anders als im Islam arabischer Prägung, wie Abdel-Samad zwar polemisch, durchaus aber nicht von der Hand zu weisen  aufzeigt.

 

Das Bild der „Zwiebel“, die geschält werden muss, um an den Symptomen von Diktaturen und Militärherrschaft im nahen Osten an die Ursache des „Islam im Sinne des Zuges zur politischen Weltherrschaft der Imame und der Scharia“ zu gelangen, ist ein griffiges Bild.

 

Der historische Nachweis der Entstehung des Islamismus im Gefolge und Zuge des Faschismus in Europa, die Verehrung Hitlers und Mussolinis in solchen Kreisen damals, die gewaltbereite Vorgehensweise gegen „spirituelle Kritiker“ (auch Abdel-Samad steht nun unter „Fatwah“ aus konkreten Kreisen und benötigt (in Deutschland!) Personenschutz wie damals Salman Rushdie), die innere Denkstruktur der „richtigen Menschen“ (Gläubige) und der „falschen Menschen“ (Ungläubige) und „über allem, IMMER, Gott“, das ist durchaus sachkundig und faktisch von Abdel-Samad dargelegt.

 

Das nun die doch oft verwaschen genutzten Begriffe „Islam“ und „Islamismus“ nicht sauber genug getrennt vorliegen, das teils polemisch und überspitzt argumentiert wird, dass hier und da liberale Tendenzen schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen werden, das mag man der Kritik zugestehen. Dass Abdel-Samad ein klarere Verfechter „westlich liberaler Werte“ ist, wird natürlich gläubigen Moslems ebenfalls starke Kritik ermöglichen. Womit das von Abdel-Samad erläuterte Problem dann aber auch sichtbar und griffig wird. Wie bestimmte Kräfte des Islam mit „Provokateuren“ oder „religiösen Kritikern“ umzugehen gedenken würden, wenn sie Zugriff hätten.

 

Dennoch verbleibt mit dem Blick auf die Geschichte, dass mit diesem Buch nicht nur Strukturen des Islamismus alleine benannt werden (auch wenn dies das Thema das Buches ist), sondern zumindest jede monotheistische Religion im Kern solche Auswüchse der absoluten Macht und des Dranges nach Uniformität der Menschen in sich.

 

Erst die strikte Trennung von Religion und Politik, von privater Spiritualität und öffentlichem Handeln, von vielleicht auch persönlicher Überzeugung einer „Hölle“ und liberalem „Leben der anderen“ hat zu einer breiten Sicherung individueller „Menschenrechte“ geführt.

 

Diese Trennung ist der Kern dessen, was Abdel-Samad vorschlägt und darf erstens gedacht und zweitens als Idee der Freiheit benannt werden.

Ohne, dass ein Todesurteil ausgesprochen wird.

 

Viel Stoff für heftige Diskussionen bietet Abdel-Samad in seinem Buch. Macht sich angreifbar, wo er stark (und vielleicht überspitzt) formuliert, wo er in Teilen die ökonomischen Gründe für die leichte Beeinflussung durch „starke Männer und starke und einfache Ideologien“ nicht genügend beachtet, wendet sich aber auch mit Recht gegen eine druckvolle Einschränkung privater Rechte zur Lebensführung, wie sie faktisch beobachtbar an Orten der „religiösen Oberherrschaft“ an der Tagesordnung sind.

 

Ob der Islam in gegenwärtiger Ausprägung resistent gegenüber Reformen ist und verbleibt (Abdel-Samad bewertet ihn als „nicht reformierbar“), das wäre eine Frage wert angesichts zunehmender auch islamtheologischer Liberalisierungstendenzen.

 

Aber alle Aufregung, die dieses Buch hervorruft zeigt zunächst erst einmal eins:

 

Abdel-Samad hat einen empfindlichen Kern getroffen, der den westlichen Leser nachdenklich machen muss (aber differenziert halten sollte). Denn hier sind auch Wertekonflikte mitschwingend, die bei den „Mohammed Karikaturen“ ebenso zutrage traten wie bei jeder Steinigung einer Ehebrecherin, wie bei jedem Attentat „in Allah Namen“.

 

 

Eine harte Analyse, sicherlich, aber dennoch ein wichtiger Schritt zu einer klaren Aufarbeitung und Diskussion.

 

M.Lehmann-Pape 2014