C.H.Beck 2013
C.H.Beck 2013

Hans Belting - Faces

 

Faszinierende An- und Einblicke

 

Allzeit präsent, aber ständig im Wechsel, sich verändernd im Lauf der Zeiten und Jahre, dabei stetig  Aussage gebend über den „Träger“. Nichts am Menschen ist so ausdrucksstark, lebendig, faszinierend und doch (oder gerade daher) so wenig wirklich fassbar und greifbar wie das Gesicht des Menschen. Erkennungsmerkmal par Excellenz, sichtbares Zeichen des gelebten Lebens, einerseits individuell und unverkennbar, andererseits ständig im Wechsel und Wandel begriffen.

 

„Zwar bleibt das Gesicht im Laufe des Lebens dasselbe, aber es ist nicht mehr das gleiche“.

 

Was genau ist das Gesicht? Inwieweit sprengt es jeden Rahmen? Das Gesicht, das „erst zum Gesicht wird, wenn es mit anderen in Kontakt tritt“ und daher nicht für sich steht, sondern immer Ausdruck von Beziehungen und Kommunikation ist. Und damit in seiner Darstellung und seiner „Nutzung“ auch der je gesellschaftlichen Norm und Veränderung unterworfen ist.

 

Grundfragen, denen Belting im Buch kulturwissenschaftlich nachgeht, sich von der „Geschichte des Portraits“ oder einer „Naturgeschichte des Gesichtes“ zunächst abgrenzt, bevor er sich seinem Thema nähert, der „Kulturgeschichte des Gesichtes“.

 

„Das Gesicht ist der gesellschaftliche Teil von uns, der Rest ist Natur“.

 

Somit gehört zu Recht auch das Thema der „Maske“ zentral mit in diese Betrachtung, wie Belting sie aufnimmt. Im engeren Sinne als echte Maske, aber auch im gesellschaftlichem Sinne als „Gesichtsmaske“, die antrainiert und nach außen gezeigt wird, als „Kunstmaske“ die einen Träger und eine Stimme braucht, um Unwandelbares lebendig darzustellen oder als „ein Gesicht machen“ im kulturellen Kontext. Als „Mimik, Masken des Selbst und Rollen des Gesichts“ quer durch alle Kulturen und Traditionen, so dass auch die im Islam übliche Verschleierung des Gesichtes zur Geschichte des Gesichtes dazugehört.

 

In drei Hauptteile gliedert Belting seine „schmetterlingshafte“ Spurensuche.

 

„Gesicht und Maske in wechselnden Ansichten“ eröffnen den Blick auf Masken, Verstellungen, Ausdruck und Nutzung im Theater, schlagen aber auch den Bogen von der Gesichtskunde zur Hirnforschung.

„Portrait und Maske. Das Gesicht als Repräsentation“ verweisen auf die Unterschiede zwischen der europäischen und anderen Kulturen (die europäische Tradition entwickelte das Portrait, andere Kulturen haben Masken). Hier zeigt Belting auch die „Entwicklung zum Selbst“ mit auf als „Revolte gegen Masken“ am Beispiel Rembrandts und der Technik des Selbstbildnisses.

Im dritten und abschließenden Teil, „Medien und Masken“, erläutert Belting sehr interessant und fachkundig „die Produktion von Gesichtern“ in der modernen Medienwelt, in der „Images“ bemacht werden und, entsprechend, der gesamte Mensch, vor allem sein Gesicht, zum Image passend gestaltet werden sollen.

 

„Die Mediengesellschaft konsumiert ohne Ende Gesichter, die sie selber produziert“.

 

Wie im gesamten Buch erläutert Belting seine faszinierenden Befunde nicht in abstrakter Weise, sondern bietet in Geschichte und, natürlich, Bildern einen realen Hintergrund seiner Erläuterungen ab. „Filmgesichter“ gehören dazu, Titelbilder von Magazinen, Totenmasken.

 

Faszinierend so unter anderem die Gegenüberstellung einer Kleiderpuppe als Titelbild von „Life“ zu Greta Garbo einige Monate später im Jahr 1937. Ein beeindruckendes Beispiel der einerseits verankerten Suche nach Identität des Menschen im Gesicht und der andererseits ständig sich perfektionierenden Angleichung an Images und Ideale, die Gesichter zu Masken werden lassen (und Masken zu Gesichter, wenn individuelle Linien sichtbar werden hinter den Images).

 

„Faces“ ist kein Buch für die schnelle Lektüre, durchaus komplex sind Zusammenhänge durch Belting herbeigeführt und dargestellt, Abstraktionsvermögen braucht es zu diesem nur schwer wirklich greifbaren Thema. Aber die Vielfalt der Betrachtungen Beltings und die faszinierende Kulturgeschichte des „stärksten Ausdrucksmittels des Menschen“ (mit dem zu allen Zeiten Leitbilder und das Leben selbst mit dargestellt werden sollten) lohnt die Lektüre ungemein.

 

M.Lehmann-Pape 2013