vandenhoeck und ruprecht 2010
vandenhoeck und ruprecht 2010

Hans Helmar Auel – Der rätselhafte Gott

 

Gott ist immer anders.

 

Gott ist der, der immer wieder "aus dem Rahmen fällt". Der immer "nicht einordbar" bleiben wird. Das Thema des Buches trifft direkt auf die harmonisierende Neigung, sich sein Verständnis Gottes immer wieder nachvollziehbar und einordbar zu Recht zu legen.

Auch Pfarrer sind davor nicht gefeit im alltäglichen Gemeindeleben und dem Auslegen biblischer Texte Gottesdienstbesuchern etwas Nachvollziehbares und durchaus auch Beruhigendes anzubieten und daher "unbequeme" Texte, die das Gewohnte und, allzu oft eben auch, geglättete Bild von Gott gerne zu vermeiden.

 

Hans-Helmar Auer als Herausgeber und Mitverfasser, hat sich in seinem Buch "Der rätselhafte Gott" dieser Seite der biblischen Verkündigung angenommen. Den "unbequemen" und ob Ihrer Herausforderung an das Gottesverständnis oft vernachlässigten Textstellen.

Um es vorweg zu nehmen: Sich diesem Thema in bester Weise angenommen.

 

Die Grundthese, dass der Mensch bestenfalls "Spurensucher" Gottes in dieser Welt sein kann und nicht "Wissender um Gottes Wesen" wird im ersten Teil des Buches in dankenswerter Weise durch einen Aufsatz des Systematikers Wilfried Härle fundiert, der in die theologischen Strömungen und wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschsprachigen Theologie nach 1945 einführt und dabei fundiert und verständlich verdeutlicht, dass und wie die theologische Wissenschaft sich der dem Buch zugrundegeleggten "Spurensuche" seit 1945 nachgegangen ist.

Schon dieser Aufsatz ist für sich lesenswert!

 

Auf dieser Verständnisbasis wendet sich das Buch vermittels je einer fundierten Exegese, einem Predigtentwurf und einem liturgischen Vorschlag acht biblischen Texten und darin enthaltenen Themen zu. "Gottes glühender Zorn" (Die Geschichte vom goldenen Kalb), der doch durch den Menschen Mose beeinflusst werden kann bietet gleich zwei spannungsgeladene Momente.

Es folgt "der klagende Mensch" (Hiob), der sich Gott in erschütternder Klage zuwendet und den Gott fast lapidar auf die Suche nach Antworten hin verweist. In gleicher Tendenz der 88. Psalm, die bis ins äußerste gestreckte Form der Klage, die ungehört verhallt. Diese stellt den Hörer in die tiefe Spannung des Schweigens Gottes angesichts tiefer Not. Fast folgerichtig führt uns das Buch dann die "Fluchworte" Jeremias vor Augen, die keine Auflösung erfahren, sondern den Propheten selbst und damit auch den Leser im "Dunkeln" belassen. "Lässt dieser Gott Menschen einfach fallen"?

 

Für das Neue Testament wenden sich die Thematiken der Texte den "anvertrauten Talenten", dem unangenehm bedrängendem Hinweis auf die Rechenschaft, die der Mensch abzuleisten haben wird, führt weiter über das "Dahingeben des Lebens" durch Jesus und, damit einhergehend, die Postulierung von Leiden auch für den nachfolgenden Menschen, geht  dann ein auf das markinische "Schweigen der Frauen von der Auferstehung", dass damit dem biblischen Hörer in seinem "offenen Schluss" zur Suche, nicht zum fassbaren Wissen führt. Beendet wird der Textreigen durch Hebräer 10, 26-31, der offenen Warnung vor dem "Herausfallen aus dem Heil", einer unbequemen, nicht gern gehörten Warnung.

 

Zwei "Problemzonen" führt Hans-Helmar Auel einer Bearbeitung zu. Zum einen wählt er in ihrer inneren Spannung letztlich unaufgelöst verbleibende (und damit "unbequeme") Texte aus dem Alten und Neuen Testament aus. Zum zweiten geht es ihm um einen Brückenschlag zwischen theologischer Wissenschaft und gemeindlicher Arbeit. Sein Buch ist somit einzuordnen in den Bereich der praktischen Theologie.

 

In der Struktur folgt auf eine, durchweg je exzellente, wissenschaftliche Betrachtung des jeweiligen Textes, ein Predigtvorschlag des Herausgebers, in dem Hans-Helmar Auel die je herausgearbeitete und nicht wirklich aufzulösende Spannung des Textes zu bewahren versteht und somit den Predigthörer in bester Weise wieder zur "Spurensuche" hin motiviert.

 

Abschließend bietet Auel je einen liturgischen Entwurf für einen Gottesdienst im Kirchenjahr zum Thema. Eindringlich gelungen sind diese „Brückenschläge“ schon anhand des ersten Themas. Die den biblischen Text wie eine Zwiebel schälende Exegese in klarer Sprache und nachvollziehbaren Ergebnissen in der Unterscheidung zwischen dem strafenden, aber leben lassenden Zorn Gottes und eines unbändigen göttlichen Zornes, die "vernichtet hätte, wenn sie wirksam geworden wäre" führt eindringlich den letztlich nicht fassbaren Gott vor Augen. Diese Exegese von Jörg Jeremias ist ebenso ein Genuss wie die praktische Umsetzung im Rahmen der vorgestellten Predigt Hans-Helmar Auels.

Die vernichtende Gewalt des "Zornes Gottes" und das unverdiente Existieren des Menschen angesichts seiner Verfehlungen und des zornigen Wesens Gottes verbleibt eindringlich im Gedächtnis. Auf diesem Niveau verbleiben auch die weiteren sieben  Bearbeitungen der Themen.

Deutlich wird, dass der Mut, Spannungsreiches unaufgelöst für den nach logischer Auflösung suchenden "gesunden Menschenverstand" im Raume stehen zu lassen fruchtbar für die  gemeindliche Arbeit und Predigtpraxis ist und gerade solche oft vernachlässigten Texte einen wesentlichen Stellenwert in Verkündigung und Hören haben.

 

Dass sich entscheidet, was der Mensch ist, an den "Beziehungen, die er lebt" und weniger an dem Wissen, was er ansammelt und den Schubladen, in denen sich das Denken oft vollzieht, dafür ist dieses Buch ein gelungenes Indiz. Nicht im "Wissen um Gott", sondern in der aktiven, suchenden Beziehung zu diesem Gott vollzieht sich der Glaube. Auf diese suchende Beziehung verweist das Buch in bester Weise.

Dass sich diese "Spurensuche" auch an fremden, bedrängenden, ohnmächtigen Orten vollzieht, das ist immer und immer wieder ein zentraler und notwendiger Hinweis, der im alltäglichen Leben leicht in Vergessenheit gerät.

 

Sowohl der hervorragende Aufsatz zu Beginn, die wissenschaftlichen Bearbeitungen der Texte und die Umsetzung in Predigt und liturgischen Ablauf sind sprachlich auch dem Laien verständlich und nachvollziehbar verfasst. Ein Buch somit nicht nur für Pfarrer, sondern für jeden "Suchenden" und ein echter "Dienst am Wort", der Reihe für die Gemeindeverkündigung von Vandenheock und Ruprecht, deren 126. Band dieses Buch ist.

 

Ein sprachlich und in seiner Struktur hervorragender Wegbegleiter für die theologische Predigtarbeit in der Gemeinde. Das in guter Weise sich gegen die Simplifizierungen durchaus verbreiteter kirchlicher und gemeindefrommer Strömungen stellt, die in einem je einfachen Schwarz-Weiß Schema zwar selbstbewusste, oft aber auch undifferenzierte Antworten in den Raum stellen. Durchaus lesenswert und verständlich auch für den interessierten Laien. Empfehlenswert!

 

M.Lehmann-Pape 2010